http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel1930/0005
Einleitung des Herausgebers.
Auf Weihnachten 1853 war der Trompeter erſchienen, im
Frühſommer 1855 der Ekkehard. Den Namen Scheffel umklang
der erſte Silberton dichteriſchen Ruhms. In einer Beſprechung
des Ekkehard im „Frankfurter Muſeum ſtellte Ludwig Braunfels
feſt, daß der Ekkehard „für das Publikum eine herrliche Ver⸗
heißung, für den Dichter eine große Verpflichtung“ bedeute.
Scheffel ſelbſt nahm die Verpflichtung ſchwer genug, mit
allem Ernſte mühte er ſich, die Verheißung zu erfüllen. Wohl
hatte der Ekkehard ihn bedenklich mitgenommen. Das umfang⸗
reiche Werk, auf ausgebreiteten und eindringlichſten Studien
fußend, war in Jahresfriſt geſchrieben worden, in Monaten
tiefſter ſeeliſcher Erſchütterungen, da Emma Heim einem anderen
die Hand reichte, hatte es ſeinen Abſchluß gefunden. Eine ſchwere
körperliche und geiſtige Erſchöpfung war die Folge, mühſam
ſuchte der Dichter in der ſtillen Turmſtube über dem Brücken⸗
tor des Heidelberger Schloſſes ſich aufzuruhen. Und doch war
er beim Erſcheinen des Romans ſchon wieder mit neuen dich⸗
teriſchen Plänen beſchäftigt. Sie wollten abermals eigenes Er⸗
leben unter den Falten hiſtoriſcher Einkleidung verbergen.
Und noch einmal ſollte Befreiung aus dem ſeeliſchen Druck
der heimiſchen Verhältniſſe dem heimlich Geplanten Geſtalt
geben. Hatte italiſcher Boden einſt dem heimatſeligen Trom⸗
peter zum Durchbruch verholfen, ſo erſchien nunmehr eine Fahrt
ins Welſchland doppelt erwünſcht. Daß auch der Held der künftigen
Dichtung nur ein Deutſcher ſein konnte, verſtand ſich von ſelbſt.
Aber es galt ihn diesmal nachhaltiger über die Alpen zu führen:
erſt in den ſtillen Waldenſer Tälern Piemonts, dann aber im
prunkvollen Venedig ſollte der Herr von Rodenſtein, den religi⸗
öſen und politiſchen Wirrungen des Vaterlandes in ſchwerer
Bedrückung entflohen, kurze Ruhe, geiſtige Freiheit und feſtlichen
Glanz, Kunſt und Schönheit erleben, um danach abermals und
diesmal tiefere und tödliche Enttäuſchung zu erfahren.
*„ V
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