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Daß er nur ſchildern könne, was er mit Augen geſehen, war
Scheffel ſtets perſönliche Uberzeugung und für den poetiſchen
Realismus ſeiner Dichtung objektive Notwendigkeit. So galt
es alſo zu reiſen.
In Anſelm Feuerbach, der damals neben dem Dichter in
Karlsruhe lebte, bot ſich der erwünſchteſte Begleiter. Er hatte
ſoeben in einem großen hiſtoriſchen Gemaͤlde den Tod Pietro Are⸗
tinos dargeſtellt, der Legende folgend, die den ewig ſpottenden
Schmarotzer bei einem Gaſtmahl im Gelächter erſticken läßt. Trotz
der ſehr geteilten Beurteilung, die das Bild fand, hatte es Auf⸗
ſehen genug erregt, ſo daß der Regent, der ſpätere Großherzog
Friedrich, dem Maler ein Stipendium zuſagte, das einen Auf⸗
enthalt in Italien ermöglichen ſollte. Die Forderung der Kopie
eines venezianiſchen Bildes glaubte man der Erziehung des jungen
Künſtlers ſchuldig zu ſein.
Scheffel hatte, ſcharfſichtiger als die in ſtumpfer Ablehnung
verharrende Geſellſchaft der badiſchen Reſidenz, die echte Künſtler⸗
ſchaft Feuerbachs früh erkannt und nützte mit Freude die
Gelegenheit, in ſeiner Geſellſchaft nach Venedig zu gehen. Es
wird wohl zutreffen, daß Feuerbachs Bild ihm die erſte An⸗
regung gab, eine dichteriſche Darſtellung venezianiſchen Lebens
im 16. Jahrhundert zu erwägen.
Am 23. Mai 1855 verließ Scheffel das väterliche Haus, traf
in München Feuerbach und ging mit ihm über Innsbruck, Bo⸗
zen — von wo aus Schloß Runkelſtein beſucht wurde —, Trient,
Verona nach Venedig. Der Palazzo Canal bot den Freunden
mit Moſaikböden, Deckengemälden und alter Einrichtung eine
ſtimmungsvolle Behauſung.
Ein Brief an die Mutter vom 23. Juni, den die entzückte
Empfängerin alsbald dem „Frankfurter Muſeum“ zur Ver⸗
öffentlichung überließ — er wurde ſpäter in die Reiſebilder auf⸗
genommen und ſo allgemein zugänglich —, ſchildert beredt den
tiefen Eindruck, den Scheffel von der Stadt und ihren Kunſt⸗
werken empfing. Staunend ſtand, der einſt auch den Traum
gehegt hatte, ein Maler zu werden, vor den Bildern Tizians,
die ihm eine völlig neue Vorſtellung von der Rolle gaben, die
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