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dichteriſcher Geſtaltung. In einer Audienz ſagte Scheffel dem
König, daß er an einer venezianiſchen Geſchichte aus Tizians Zeit
arbeite und empfand dieſe Erklärung als einen Zwang, den alten
Plan durchzuführen. Zu Ende des Jahres folgte ihm auf dringen⸗
des Erſuchen die geliebte Schweſter nach München, um ſein
beſchwingtes Leben zu teilen.
Wirklich kam es mit Beginn des neuen Jahres zu frucht⸗
barer Geſtaltung. Vom 2. bis 10. Januar 1857 wurde das
Waldenſerkapitel in einer Ausführung niedergeſchrieben, an
der die unten abgedruckte ſpätere Umſchrift wenig mehr zu
ändern fand. Auch die Erzählung vom Nembiaſee mag da⸗
mals ausgearbeitet ſein. Im Februar aber fuhr der Blitz aus
dem ſo heiter gewordenen Himmel nieder. Die Schweſter ward
vom Typhus ergriffen, der im München jener Zeit immer um⸗
ging, und binnen wenigen Tagen hinweggerafft.
Mit Marie war der Genius geſchwunden, dem der Dichter
ſein Werk in der Stille geweiht hatte. Es hat ſich von dieſem
Schlage nicht wieder erholt. Was in der Folge noch zu aus⸗
gearbeiteter Niederſchrift gekommen iſt, drucken wir im nach⸗
ſtehenden ab. Es gelangt nicht über die Eingangskapitel hinaus,
auf den venezianiſchen Schauplatz, wo erſt die eigentliche Hand⸗
lung ſich breit entfalten ſollte, ſetzt die Ausarbeitung kaum noch
den Fuß. Im September 1857 weilte der Dichter auf der Wart⸗
burg, und fortan umdrängen ihn die Dichtergeſtalten des 13. Jahr⸗
hunderts, denen jene thüringiſche Burg eine gaſtliche Stätte
geboten. Sie geſtatten ſchließlich keine Rückkehr mehr zu den vene⸗
zianiſchen Abſichten. Die Idee eines großen Wartburgromanes
taucht auf, und aufs neue häufen ſich Notizzettel aus weitaus⸗
gebreiteten Studien, und Entwürfe reihen ſich an Entwürfe. Zu
geſchloſſener Geſtalt hat freilich auch dieſer Plan in vieljährigem
Mühen nicht vordringen dürfen ...
Unter den unten mitgeteilten Kapiteln darf das zweite mit
der Erzählung aus dem Angrognatale als das anziehendſte und
gehaltreichſte gelten. Wir atmen die herbe Bergluft des Hoch⸗
tals, in lebendiger Anſchaulichkeit ſtehen ſeine glaubensſtarken
Bewohner vor uns in ihren einfach reinen Sitten, lieblich be⸗
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