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Herrn Siegfried von Rodenſteins
Venetianiſches Gedenkbuch
1557.
1559.
Habt lange Zeit keine Kundſchaft von mir erhalten, herzliebſte
Frau Mutter Jucunda, und wiſſet wohl kaum, ob Euer Siegfried
noch unter den Lebenden weilet, oder ſchon hinabgeſtiegen iſt
ins dunkle Reich der Schatten.
Denn das Schickſal hat mich in weit andere Regionen geführt,
als Ihr von der Heimat aus — und wenn Ihr auch auf des
Melibocus höchſte Spitze ſtieget, erſchauen möchtet, — und im
ſtillen Edelhaus zu fränkiſch Culmbach wird ſelbſt Herr Wirr⸗
witz Irrſinnius Euer gelahrter Pfarrherr und praeceptor nicht
viel Beſcheid zu geben wiſſen von den Landen und Städten, die
mein unſtet irrender Fuß berührt hat.
Aber jetzo ſollt Ihr Alles erfahren, herzliebſte Frau Mutter,
wie es ſich hub und zutrug und wie das Kind Eures Herzens
in die größte Trübſal verſenkt ward, die ein Sterblicher ertragen
mag ...
In guten Tagen lebt der Menſch leichtlich dahin und vergiſſet
der Heimath und der Seinen, es muß Jammer und Heimſuchung
über ihn kommen und ſeine Seele ſich beugen unter der Laſt
der Schmerzen, auf daß er ſich wieder erinnere, wie einer Mutter
Herz der beſte Zufluchtsort auf dieſer weiten Welt für einen
Unglücklichen, und daß er ſich aufmache zu ihr, ſein Haupt an
ihre Bruſt zu lehnen und ſeinen Kummer auszubreiten vor ihr,
wie ein offen Buch.
Ja, herzliebſte Frau Mutter, ich bin ſchwer danieder geworfen,
ein glänzend Leben hat ſich vor mir aufbauen wollen, glänzend
in Pracht und Herrlichkeit dieſer Welt, in Schönheit, Kunſt und
Liebe... aber der Blitz hat drein geſchlagen und Alles iſt vor
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