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Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Irene von Spilimberg: unvollendeter Roman
Karlsruhe, 1930
Seite: 2
(PDF, 13 MB)
Bibliographische Information
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Freiburg und der Oberrhein

  (z. B.: IV, 145, xii)



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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel1930/0019
mir verſunken in Nacht und Sturm, als einen nackten Schiff⸗
brüchigen hat mich das hadriatiſche Meer an ſeine Geſtade aus⸗
geworfen und bleibt mir Nichts und ſchreib Euch dieſes Buch...
ein Denkmal deſſen, was ich erfahren, und mein beſter Troſt ...
Denn in der Erinnerung lebt noch einmal auf, was mich ſo
unſäglich glücklich und traurig gemacht, ſie ziehen heran in
langen Schaaren, die Geſtalten der Freunde und Feinde, mit
denen ich in dieſen letzten Jahren mein Daſein abgeſponnen — —
und auch Du neigſt Dich von verklärten himmliſchen Höhen huld⸗
voll und verzeihend, blaſſer jungfräulicher Schatten meiner Irene,
Melodien ſeliger Geiſter umſchweben mich wie verklingender
Lautenton in der Mondſommernacht und mein Herz möchte auf⸗
jubeln, wenn es Dein gedenkt, und zerbrechen zugleich, auf daß
frei und erlöſt die Seele ſich emporſchwingen könnte... empor
aus des Leibes Gefängniß zu Dir, Engel des Himmels, fried⸗
licher Stern meiner Nacht! — Irene, Irene!
Ich hab den Namen genannt, herzliebſte Frau Mutter, in dem
meines Denkens Anfang und Ende beruht — und will Euch
jetzt getreulich aufzeichnen, wie ſich Alles gefügt und verlaufen,
und wie der Herr der Heerſchaaren meine Schritte in welſchen
Landen wunderbarlich gelenkt, daß ich Sie gefunden und wieder
verloren hab, Sie, die ich ſo gerne einſt hinübergeleitet hätte
über die Alpen, um ſie Euch vorzuſtellen als das leuchtendſte
Kleinod im Hausſchatz der Rodenſteiner, als die Erwählte
Eures Siegfrieds, als Eure Tochter!
Und wenn meine Feder ſich gerne in breiter Schilderung
ergeht und weit ausholt, um all die Fäden darzulegen, aus
denen meine venetianiſche tragödia gewoben iſt, ſo haltet mirs
zu Gute, denn nur in dieſer Vergangenheit friſtet ſich noch mein
Leben, auf Nichts Neues mehr ſteht mein Sinn und Alles,
was da noch vor mir liegt in der kurzen Spanne der Zeitlich⸗
keit, heißt Erinnerung, Schmerz und Gebet.
So ſitz ich denn, ein trübtrauriger Mann, zur Zeit im feſten
Hauſe Campalto, wo mir Meſſer Gian Maria Verdizzotti, mein
ritterlicher venetianiſcher Freund, ein Aſyl eingeräumt, um in
tröſtlicher Einſamkeit und Betrachtung die Wunden zu heilen,

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