Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6992,g-6
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Irene von Spilimberg: unvollendeter Roman
Karlsruhe, 1930
Seite: 8
(PDF, 13 MB)
Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Freiburg und der Oberrhein

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel1930/0025
geſehen, auch in Wittenberg dem Herrn Philippus Melanchthon
ihre eigen Satzungen und Artikel zu Schutz und Förderung
vorgelegt und wandten ſich nun wieder heimwärts in ihre Alpen.
Mit dieſen ward ich gut bekannt, und einer davon, Herr Gott⸗
fried Veraglio, der Pfarrherr von Angrogna gefiel mir aus⸗
nehmend wohl und was er mir erzählte von dem ſchlichten
Glauben ſeiner Thalleute und ihrem Leben in der einſamen
Friſche des Gebirges, erweckte mir eine Sehnſucht, ſelber daran
Theil zu nehmen und wie ich ihm mein eigen Herz aufſchloß,
fand ſich, daß unſer Denken nicht gar verſchieden lief und daß
wir beide darin eins waren, daß Gott nur im Geiſt und in
der Wahrheit anzubeten und all übrig Menſchenwerk dazu
überflüſſig.
Er war ein feſter Ehrenmann, der Herr Gottfried Veraglio,
auf ſeinem ſtarkknochigen bleichen Antlitz ſtund zu leſen, wie
des Schickſals Stürme an ihm gearbeitet.
An der Spitze jener Heerſchaaren, die ein kreuzzugpredigender
Legat des Pabſtes geſammelt, war ſein Vater einſt wider die
Waldenſer zu Felde gerückt, und er ſelber — ein ernſt beſchaulich
Gemüth von tiefem Wiſſen und glänzender Gabe der Rede,
hatte in jungen Tagen die Mönchskutte erwählt, und war als
ſtreitbarer Sohn ſeiner Kirche mit Bernardin Ochino von Siena
in jene Thäler gezogen, um an der Bekehrung derer zu arbeiten,
die er für Söhne der Finſterniß hielt, aber je mehr er ihre
altertümlich einfachen Lehren prüfte, deſto mehr wandte ſich
ſein Herz und zuletzt, ein anderer Saulus, bekannte er ſelber
den Glauben den er verfolgt, ließ ſich zu ſeinem Prediger weihen
und wich nicht mehr aus dem Thale, in deſſen läuternder Berg⸗
luft es wie Schuppen von ſeinen Augen gefallen war.
Eines Tages nun erging ich mich mit ihm auf dem Berg
Fourvières, wo zu Römerzeiten die Tempel von Lugdunum
geſtanden, und wir ſchauten hinaus in die weite Welt, die dort
vor unſern Augen gebreitet lag, ſchauten das mächtige ſtolze
Lyon, die wie zwei Rieſenſchlangen es umkreiſenden Ströme
Saone und Rhone, ſchauten die weit gen Savoyen ſich hin⸗
ſtreckende Ebene und die in fernduftigem Glanz ſchwimmende

„ 8 »


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel1930/0025