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ſchon von Waffengeklirr und Kampfruf durchſchüttert worden
waäͤre. Aber das Waldenſer Häuflein, die Vortheile ſeiner Ge⸗
birge ausnützend, wußte Stand zu halten mit gewaffneter Hand,
noch lebte friſch die Erinnerung, wie ſie den herzoglichen Feld⸗
hauptmann Pantaleon Breſſour, Herrn zu Rocheplatte, mit ſeinem
Kriegsheer aus dem Thal Lucerna hinaus geſchlagen, daß der
ſavoyiſche Herzog ſelber offen bekannte, er müſſe für eine Wal⸗
denſer Haut wenigſtens ein Dutzend ſeiner beſten Kriegsleute
dran geben.
Und ſeit dem Beruhen des offenen Kampfes war doch in
Piemonts Hauptſtadt und anderwärts manch ein Scheiterhaufen
aufgeflammt, deſſen Widerſchein deutliche Kunde gab, welch ein
Loos der Thalleute harre, wenn ſie ſich hinauswagten ins offene
Land — „El és Vaudes, és degne de murir“ lautete die
alte Sentenz der Ketzermeiſter, und wir erfuhren wohl, wie
zu den böswilligen lügneriſchen Anklagen Waldenſiſcher Art
und Gottesdienſtes wieder neue Verläumdung gehäuft wurde,
von nächtlichen Verſammlungen in den Höhlen der Gebirge
und Auslöſchen der Lichter und bachanaliſchem Weſen mit den
Weibern und was dergleichen giftige Erfindungen mehr ſind.
Die benachbarten Thäler wurden von Commiſſarien des
Turiner Parlaments durchzogen, wandernde bekehrungswüthige
Mönche zwangen die bärtigen Pfarrherren, ihnen Kanzel und
Kirche für ihre donnernden abgöttiſchen Bußpredigten zu räu⸗
men, — in der Feſte von Pignerol ſaß ein Präſident mit einer
Heerſchaar von Schreibern und lud die widerſpenſtigen Thal⸗
männer vor ſich um zu eröffnen daß wer ſich ſeines Irrglaubens
nicht abthue, des Todes und ſein Vermögen verfallen ſei.
Aber wir im Angrognathal hatten, wie immer geantwortet
es ſei Gott mehr zu gehorchen als den Menſchen — und warteten
in unſerer feſten Alpenburg getroſt ab, was da weiter kommen
werde.
Inzwiſchen war der Frühling mit wärmender Sonne über
dem Land aufgegangen und ich rüſtete mich, des Pfarrherrn
gaſtlich Dach zu verlaſſen und hinaufzuziehen in mein neues
Anweſen, und mein Sinn war harmlos und ahnte nichts Böſes.
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