http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel1930/0036
Saß drum wie gewöhnlich an einem Sonnabend zur Veſper⸗
zeit bei Herrn Veraglio, wir hatten ein Schachſpiel vollendet
und ſprachen von den ſchweren Zeitläuften, da kam das Kind
Marioletta, das ſeit wir es aus Lyon entführt, lieblich und
ſchmuck geworden, und ſetzte ſich an meine Seite und heftete
ſeine groſſen Augen gewaltig auf mich und ſprach: Rathet,
Herr Siegfried, woher komm ich? Von Eurem Hauſe komm
ich, habs mit Zweigen von immergrünem Buſchwerk geſchmückt
und mit Epheukränzen wie eine Hochzeiterin, auf daß Ihr einen
ſtattlichen Einzug halten möget. Habt Euch ein ſtolzes Neſt auf
die Felsplatte hinaufgebaut, der Oheim freut ſich, daß Ihr bei
uns heimiſch werden und ſelber ein Angrognamann ſein und
bleiben wollt, der Schulmeiſter freut ſich und alle Thalleute
freuen ſich mit ihm.
Aber das müßt Ihr der Marioletta laſſen, wenn Ihr dort
droben ſeßhaft ſeid, daß ſie oftmals herauf zu Euch ſteigen darf
und nachſehen, wie es Euch geht ... und ich weiß was ich
thue wenn die Sommerszeit kommt, und im Pfarrgarten die
Nelken und Granaten blühen, die Ihr ſeither ſo gern als Strauß
in Eurer Stube ſahet.. und ich weiß wieder was ich thue
wenn die Erdbeeren reif ſind, die Ihr ſo gern zu einem Becher
dunkeln Weines von la Torre koſtet.... und nicht wahr, Herr
Siegfried, Ihr bringt auch noch manchesmal ein Schneehuhn
oder einen Berghaſen oder was ſonſt Euch die Jagd beſcheert...
und nicht wahr, Ihr kommt auch an manchem Winterabend
herabgeſtiegen zum Pfarrhof, um mit dem Oheim das Schach⸗
brett zu ziehen und ernſte Geſpräche zu pflegen! Das alles ſollt
nicht anders werden, ſonſt wärs gar nicht ſchön, daß Ihr von
uns weggezogen und Marioletta müßte traurig werden.
Da ward ich gerührt über das Kind und ſagte: Hab keine
Angſt, Marioletta, s bleibt alles beim Alten, ja wenn Du nicht
kommſt, ſo holen wir Dich, und wenns zu kalt und einſam
droben wird, ſo holen wir Dich vielleicht eines Tages ganz und
laſſen Dich nicht mehr von dannen.
So plauderten wir noch Etliches bis ich mich bereitete auf
meine Stube zu gehen, Marioletta brachte den ehernen Leuchter
„ 19 »„ 3*
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel1930/0036