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und ſprach: Gut Nacht denn Herr Siegfried zum letztenmal im
Pfarrhof von Angrogna!
Und wiederum kam eine Rührung über mich, daß ich lange
ſchweigend vor ihr ſtund, und den Leuchter nicht nehmen mochte,
ſtrich ihr vielmehr mit der Rechten ihr reiches ſchwarzes Gelock
zurück, ließ die Hand auf ihrem Haupte ruhen und küßte ſie,
was ich früher nie gethan, auf die Stirne. Da wars als ob
des Kindes Seele plötzlich zuſammenſchauerte im Sturm eines
dunkeln Gedankens, fuhr auf wie von plotzlichem Unheil geſchüt⸗
telt, that einen lauten Schrei und rannte hinaus in den Garten.
Und wie ich beſorgt mit dem Pfarrherrn ihr nacheilte, fanden
wir ſie draußen bei der Pfarrlinde im Schnee ſtehen, ſie lehnte
ſich an den mächtigen Stamm und weinte bitterlich.
Sei nicht verrückt Marioletta, ſprach der Pfarrherr, was haſt?
Sie aber faßte zitternd meine Rechte, ſchmiegte ſich an mich,
und deutete nach dem Berghang über der Kirche, wo im hellen
Mondenglanz mein neues Haus auf ſeinem Felsvorſprung
hinausſchimmerte ins dunkle Alpenland.
Iſt dies wirklich das Haus des capitan Siffredo, ſprach ſie
mit tonloſer Stimme, und Ihr glaubt daß Ihr wirklich morgen
Euren Einzug haltet, und glaubt daß Marioletta noch oft hinauf⸗
kommen wird, und daß Ihr ſie eines Tages drunten abholet,
daß ſie ganz bei Euch bleibe?
Was ſonſt lieb Kind? wollte ich ſie tröſten, aber ſie richtete
ſich auf, ſtrich ihr dunkles Lockenhaar zurück, das ein Windſtoß
ihr in die Stirn geweht, und ſprach mit ſeltſamem Ausdruck:
Ihr werdet nicht einziehen! Schaut mich an, wie Ihr wollt, —
Ihr werdet nicht einziehen! Vorhin, wie Ihr mich auf die Stirn
geküßt, da iſt mir geworden, als würde mein Herz von einem
Pfeil durchbohrt und ich wäre geſtorben und müßte fort in ein
ſchwarzes ſchweres Dunkel ... und mein Oheim müßte fort,
Herr Siegfried fort und Alle fort und würden uns nimmer
wiederſehen!
Müſſen Alle einmal fort, ſprach drauf der Pfarrherr, ſind
arme Menſchen, die wie Rauch zergehen, aber Zeit und Stunde
iſt des Herren!
* 20 *
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