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„Geſegnet der Mann, der ſein Haus aufrichtet auf einem feſten
Grunde, in der Furcht des Herrn!
Nachdem es der Gnade Gottes gefallen, daß Herr Siegfried
von Rodenſtein ſchon vier Jahre in unſerem Kirchſpiel verweilet,
auch nunmehr den Entſchluß gefaſſet, ſich ganz und gar bei
uns heimiſch zu machen — nachdem derſelbe in guten und ſchlimmen
Läuften ſeither wie ein Bruder zu uns gehalten, alſo daß wir
ſchier von ihm wie Paulus von Thimoteo rühmen könnten:
Wir haben Keinen, der ſo gar unſeres Sinnes ſei und ſo
freundlich für uns ſorge — nachdem insbeſondere Herr Siegfried
mit vielfacher Arbeit ſeines Geiſtes, mit Briefen und Defenſions⸗
ſchriften beim Parlament zu Turin wie bei der Krone Frank⸗
reich und auswärtigen chriſtlichen Fürſten für die Sache unſerer
Thäler eingeſtanden, auch ſeine Kriegserfahrung und ſein gutes
Schwert für den Fall drohender Vergewaltigung uns dienſtwillig
angeboten: haben die Aelteſten des Kirchſpiels und der Gemeinde
Angrogna beſchloſſen, ihm auf den heutigen Tag die Rechte eines
Bürgers beſagter Gemeinde zu verleihen, nicht minder ſeinem
Gefährten Hans Lautenſchlager dem Bergmann dasſelbe Bürger⸗
recht zu ertheilen — und wollen ihm deſſen zur Urkund die von
Syndicus und Anzianen unterſchriebene Ernennung zufertigen.
Zugleich wollen ſie dem Herrn Siegfried, welcher oftmals
ſeine Vorliebe für Geſchichte und alte UÜberlieferung der Thäler
zu erkennen gegeben, in die Bücherei ſeines neuen Hauſes zwei
Abſchriften von dem älteſten Schriftwerk übermachen, wie ſolches
im Archiv der Kirche von Angrogna beruht und von Petrus
Final unſerm Schulmeiſter nicht ohne Mühe entziffert und
copiret worden.“
— — Der Schulmeliſter trat heran und überreichte mit Wichtig⸗
keit ſeine Pergamentrollen, es war das merkwürdige Lehrgedicht
La noblé Leyçon, darin ſchon ums Jahr Elfhundert ein
waldenſiſch geſinnter Mann in der melodiſchen Provencaler
Sprache die einfachen Grundſätze ſeines Glaubens in Reim
gebracht — und war eine alte Erbauungsſchrift in ungebundener
Rede, lou trésor de la fé, ſorgſam geſchrieben und mit kunſt⸗
reich geſchnirkelten Anfangsbuchſtaben verziert.
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