Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6992,g-6
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Irene von Spilimberg: unvollendeter Roman
Karlsruhe, 1930
Seite: 32
(PDF, 13 MB)
Bibliographische Information
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Freiburg und der Oberrhein

  (z. B.: IV, 145, xii)



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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel1930/0049
IV.
Wochen und Monate waren vergangen, ſeit wir die Waldenſer
Thäler verlaſſen. Vieler Herren Länder hatten wir durchritten,
meine Wunden waren geheilt, aber ich blieb blaß und krank
und kam ſchier ein dämoniſch Weſen über mich, die Drangſal
der letzten Zeit wühlte an meinem Denken, die Seele ward
matt in unheimlich ſchwermüthig Brüten verſtrickt, die Keime
friſcher Entſchlüſſe welkten drin, bevor ſie reif geworden.
Unſer Geldtäſchlein aber war dem Einſchrumpfen nah, und
jener Ton von aneinanderklingendem Golde, der unter Um⸗
ſtänden des Menſchen Herz mehr erquickt als Glockenklang und
Orgelſchall, wollte unſern Ohren fremd und fremder werden. —
Da ſprach Lautenſchlager der Vielgetreue eines Tages: Ihr
müßt ausruhen, Herr Siegfried und Kraft ſammeln. Ich weiß
Rath.
Es iſt doch mitunter zu Etwas nütze, wenn der Menſch eine
alte Großtante gehabt hat. Die meine hat weit hinter der Welt
gelebt, im Dörflein Aranſch in den Tridentiner Alpen und
hat mir ein ſchön Angebind zurückgelaſſen, da ſie die Augen
zuthat: eine Wieſe im Hochland darauf mehr Felsſtücke herum⸗
geſäet liegen als Grashalme wachſen, und ein verfallen Hüttlein,
dem ſchon zu ihren Lebzeiten der Wind das Dach verweht.
Habs einmal beſehen, da ich vom Nonsthal gen Brescia hin⸗
unterwanderte, s weht gute Luft dort oben und wär ein ſchöner
Ort, wenn er nicht gar ſo ſeitwärts ſtünde. Denn Aranſch liegt
weit hinter der Welt, aber der Berg Doscardol liegt noch hinter
l'Aranſch und meiner Muhme Vermächtniß liegt noch hinter
dem Berg Doscardol, lohnt auch nicht Jedem die Stiefelſohlen,
die er zerreißt, um hinaufzugehn, aber für einen Mann der
Ruhe braucht, die richtige Sommerfriſche, eine ſtillere gibt's
nicht im römiſchen Reich. Wenn Euch die Polenta nicht zu ſchwer
im Magen liegt, die der Wenſch dort verzehren muß ſtatt Brodes
und wenn Euch ein Lodenkittel nicht zu ſchlecht iſt, Herr Sieg⸗
fried, ſo ziehet mit hinauf.
Ich hab noch Etwas vor, unſer ſchmalhalſig geworden Geld⸗
täſchlein könnts wohl ertragen. Es will mir nicht aus dem Kopf,

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