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Roſſe behalten und im groſſen Fichtenwald zwiſchen hier und
Meſtre auf und nieder reiten, kommt ſo manches Schiff ge⸗
fahren, knarrt ſo manche Wagenach,ſe und zicht ſo manch ein
Kaufmannsgut des Weges, da ließ ſich mehr erreiten und taſchen⸗
leeren als im Thal der Sarca.
Auch dieſer gutgemeinte Vorſchlag vermochte nicht, zu ändern
was beſchloſſen war. Aber wie ſich die welſchen Käufer in unſerer
Thiere Sattel ſchwangen und mit lautem anſpornendem Geſchrei
von dannen ritten, da wards uns allen ſchwermüthig und ſchier
ſchmerzhaft zu Sinn. Denn wenn man von den Seeleuten ſagt,
daß es ein entſchloſſen aber gefährlich Ding ſei, die Schiffe
hinter ſich zu verbrennen und ſich dem Land anzuvertrauen, ſo
iſt es für altgewohnte Reitersmänner nicht minder bedenklich,
die Roſſe hinter ſich zu verkaufen und aufs Waſſer zu gehen.
So ſaßen wir trübſelig in der backſteingepflaſterten Halle der
Oſterie und ſchauten in die Lagunen hinaus und hinüber in die
Ferne nach den alten Thürmen von Marghera, von wo einſt
Herr Joerg von Frundsperg die kaiſerlichen Carthaunen nach
VBenedig hineindonnern ließ, daß von St. Secundini Kirche
drüben überm Meer die Steintrümmer wie Späne flogen und
hatten all, angeſichts dieſer Gewäſſer und dieſer neuen Welt die
Ahnung, daß unſer ſeitherig Landsknecht und Stegreifleben zu
Ende ſei und neue Dinge im Anzug.
Da hieß ich den Wirth eine Mahlzeit von Seefiſchen und
anderem Meeresplunder bereiten und beſtellte etliche Krüge
des ſchweren dunkelrothen Friulaner Weines, daß wir gleichſam
den Abſchied vom Feſtland und vergangener Zeit feierten, hielt
auch einen guten Umtrunk mit Lautenſchlager und dem Reiters⸗
jungen, und da dieſe beiden Geſellen vermerkten, daß ich me⸗
lancholiſch und ernſt dreinſah, ſuchten ſie mich mit fröhlichem
Zuſpruch, und Saitenſpiel und Geſang zu erheitern.
Niemand um den Weg war unſerer deutſchen Sprach kundig,
ſo daß wir uns nicht zu behüten brauchten mit verſchwiegener
Fürſicht der Zunge. Erſt brachte Lautenſchlager in wohlgeſetzter
Red einen Trinkſpruch auf den unbekannten Gutthäter und
Förderer unſerer Pilgerfahrt, womit er den armen Biſchof meinte,
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