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Es war eine gar prächtige abendliche Fahrt, die Sonne gieng
hinter den Alpengebirgen, die das Feſtland umthürmen, zu Neige,
das Meer glänzte, näher und näher hob ſich Venedigs ſtolzer
Umfang vor uns einer ſteinernen Sirene gleich emportauchend
aus den Fluthen. Da begannen wir mit groſſem Jubel das
alte Pilgrimslied anzuſtimmen, mit deſſen Weiſe ſchon unſere
tapferen Voreltern die Pilgerfahrt begonnen,
In Gottes Namen fahren wir
Seiner Gnaden begehren wir
Das helf uns die Gottes Kraft
Und das heilige Grab
Da Gott ſelber inne lag
Kyrieleiſon!
In weiter Ferne ruderte eine offene Gondel, darin zwei dunkel
gekleidete Männer ſaßen, ſie hatten eine Laute bei ſich — und
etlichen Proviant an Speis und Trank, ſchienen eine Luſtfahrt
zu machen — und es däuchte uns als ob der Eine, ein hagerer
Mann im ſchwarzen weitärmligen Talar eines Gelehrten, einen
Bündel Pergamentblätter zu Handen halte und dem Andern
eine luſtige Vorleſung halte.
Wie aber unſer Pilgerlied fröhlich in die Abendluſt ſchallte,
hörten wir wie der Zweite in jener Gondel mit heller Stimm
einſtimmte und im Wehen ſich erhebenden Windes klangs zu
uns herüber
Das helf uns der heilig Geiſt
Und die wahre Gottes Stimm
Daß wir fröhlich fahren von hinn
Kyrieleyſon.
Das ſchuf uns denn große Freud, daß hier auf venetianiſchem
Gewäſſer eine gute deutſche Kehle uns Antwort gab, hießen
drum unſere Ruderer in Richtung jener Gondel zu fahren.
Inzwiſchen hob ſich der Wind ſtärker, kräuſelte die Lagunen und
ſchaukelte vergnüglich die ſchlanken Schifflein umher.
Da erſahen wir, wie auf der Gondel drüben die loſen Per⸗
gamente, die nachläſſig auf das Bänklein gelegt waren, plötzlich
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