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10 Des Dichters Leben und ſeine Werke.
geltend, daß er ihn, der in der Dumpfheit ſeines jugendlichen
Gefühlslebens dem in ſeinem Innern arbeitenden Drang noch
nicht das rechte Ventil zu öffnen verſteht, in dem Verſuche,
Landſchaftsmaler zu werden, tatſächlich auf falſchen Weg ver⸗
lockte, auf dem es eines Tages kein Weiterkommen mehr gab.
Daß Joſeph Scheffel dieſen Irrweg noch rechtzeitig als ſol⸗
chen erkannte, daß es ihm gelang, ähnlich wie Gottfried Keller,
den verunglückten Malerberuf gegen das bewußte Schaffen des
Dichters zu vertauſchen und damit das Gebiet zu finden, auf
dem ſein wahres Weſen zur Entfaltung kommen ſollte, das
dankt er neben dem freundlichen und zugleich energiſchen Zu⸗
reden einſichtiger und urteilsfähiger Freunde, in erſter Linie
ſeinem mütterlichen Erbteil. L
Und von des Dichters Mutter und von ihrem Herkommen,
das für ihn wichtig geworden iſt, müſſen wir deshalb hier ein
Wort ſagen.
Joſephine Scheffel war als Tochter des Stadtſchultheißen
Krederer am 22. Oktober 1805 in Oberndorf, auf der ſchwäbi⸗
ſchen Seite des Schwarzwaldes, geboren, und hatte ſich zu
Pfingſten 1824 mit dem damaligen Hauptmann Scheffel ver⸗
mählt. Sie war nach Emil Frommels Erinnerungen eine leb⸗
hafte, liebenswürdige Frau, voller Witz und ſprudelnder Laune.
Mit ein paar intelligenten Augen in einem geiſtvollen Geſicht
ſchaute ſie vergnügt ins Leben. Eine reichentwickelte Phantaſie
paarte ſich in ihr mit tiefem Gemüt, eine liebenswürdige Schalk⸗
heit mit beſinnlichem Ernſt. Ihre Bildung ruhte nicht auf
allzu breitem und tiefem Grund, aber ſie verſtand es, eine leb⸗
hafte und feſſelnde Unterhaltung über jedes Thema anzuregen
und im Fluß zu erhalten; ſie intereſſierte ſich für alles und hatte
die Fähigkeit, auch das Intereſſe anderer wachzurufen und ſie
warm zu machen. Und alle ihre Gaben wußte ſie durch ihre
geſelligen Talente und mit Hilfe einer köſtlichen Naivetät, der
mitunter ein Schuß geſunder Derbheit beigemiſcht war, wohl
zur Geltung zu bringen, ſo daß ſie in der badiſchen Hauptſtadt
bis in die höchſten Kreiſe hinauf bald eine Rolle ſpielte. Die
Frau Major war nicht zu überſehen, ſie bildete im geſellſchaft⸗
lichen Leben Karlsruhes einen Faktor, mit dem man rechnen
mußte. Sie verſtand es ausgezeichnet, die Menſchen, die ſie
ſich einmal zu Freunden gewonnen hatte, feſtzuhalten, auch
wenn ſie aus ihrem perſönlichen Umgangskreis wieder ver⸗
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