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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw1/0019
16 Des Dichters Leben und ſeine Werke.

man früher dagegen hatte, alle Erinnerungen werden wieder
mächtig — und wenn an der Stelle der früher ausgetriebenen
keine neue Anſicht feſt aufgebaut ſteht, ſo finden die Erinne⸗
rungen immer weniger Widerſtand, bis man wieder katholiſch
iſt, ohne zu wiſſen wie. In mir ſelbſt hat's auch ſo mannigfach
herumgeſpukt, eh' ich mir einigermaßen klar geworden bin
— es drängt mich darum auch ſo nach der Philoſophie, um
an ihr einen unverlierbaren Erſatz für das Aufgegebene zu
finden.“ (27. März 1846.)
Zuſammenfaſſend ſei auf eine Außerung von Schwanitz ver⸗
wieſen, der am 30. Oktober 1888 an Stöckle wegen ſeines in
religiöſer Hinſicht durch „der Tendenz Verpfefferung“ entſtell⸗
ten Buches über J. V. Scheffel („Ich fahr in die Welt“. Pader⸗
born 1888) ſchreibt: „Schon in der erſten Heidelberger Stu⸗
dentenzeit (Februar und März 1845) betrieb Scheffel unter der
Einwirkung der von David Friedrich Strauß einerſeits und
von Johannes Ronge anderſeits ausgehenden Bewegung ſehr
eifrig das Studium der Bibel, und wie er ſchon damals mit
dem Katholizismus nicht ſo recht innig verwachſen war, ſo
hat er ſich nach und nach immer bewußter von ihm losgelöſt, ſ
daß er ſchließlich ganz und voll auf dem evangeliſchen Stand⸗
punkt ſtand. Dies iſt eine Tatſache, über die ich vielleicht am
allerzuverläſſigſten Zeugnis ablegen kann. So erklärt ſich
denn auch ſehr einfach, daß er ſeinen Sohn im evangeliſchen
Glauben erziehen ließ“*). Dieſe Meinung von Schwanitz iſt
richtig, wenn man unter evangeliſchem Standpunkt das Los⸗
gelöſtſein von dogmatiſchem Zwang verſteht, denn für das
lutheriſch⸗proteſtantiſche Dogma wie es zu ſeiner Zeit etwa
Hengſtenberg vertrat, hatte Scheffel ebenſowenig übrig wie
für das theologiſche Lehrgebäude des Katholizismus (vgl. Briefe
an Schwanitz, S. 43 f.) Das Ergebnis der Entwicklung iſt dies:
Scheffel hat ſich ſeinen Gottesglauben bewahrt, dafür können
Dutzende von Beiſpielen angeführt werden, aber ſein Verhältnis
zu einer höheren Macht trug einen ganz perſönlichen und ge⸗
fühlsmäßigen Charakter, er war weder Katholik noch Prote⸗
ſtant, ſondern ein Menſch voll tiefer Religioſität. Ihm offen⸗
*) BVgl. überdies die Beſprechung von Stöckles Buch in den „Badiſchen
Schulblättern“ 1888, Nr. 12, S. 234 ff. von L. Zürn. Man kann der dort —
im Gegenſatz zu Stöckle — vorgetragenen Anſchauung von Scheffels tiefer,
aber dogmenloſen Religioſität nur zuſtimmen.

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