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18 Des Dichters Leben und ſeine Werke.
alle heißen, ſtatt eines ſchönen Tages die Stube zu fegen und
dieſen Staub, der ſich unſerem Weſen und Denken vergrauend
angeſetzt hat, hinauszutragen auf den Platz, der ihm gebührt,
auf den Miſt. Ehe das nicht geſchieht, werden freilich auf den
deutſchen Studierſtuben keine Blumen wachſen und gepflegt
werden.“ (Kremſer, Studien über J. V. v. Scheffel. Salzbur
1913, S. 14 f.) In dieſem Zuſammenhang iſt ſelbſtverſtändlich
an das „Guano“gedicht im „Gaudeamus“ und an die in Bd.
IX, S. 23 und 69—73 abgedruckten Verſe zu erinnern.
Der Abſchluß von Scheffels Univerſitäts⸗Studien (er iſt am
18. März 1847 exmatrikuliert worden) fiel in die Zeit, die
der Revolution unmittelbar vorherging, und ſelbſtverſtändlich
war auch unſer Dichter wie alle geiſtig angeregten und vater⸗
ländiſch intereſſierten Jünglinge von damals tief in die Po⸗
litik hineingeraten. Er erſehnte mit ſeinen Kommilitonen
„einen Wandel der deutſchen Verhältniſſe zur Herſtellung eines
national geeinten Verfaſſungslebens in allen deutſchen Staa⸗
ten“. Unter dem Einfluß des alten Wirth, des Redners vom
Hambacher Feſt, der in Karlsruhe wohnte, prägte ſich in
Scheffel eine entſchiedene demagogiſche Anſchauung aus, er
trägt die Republik als die Zukunft ſeines Volkes im Herzen (an
Schwanitz, 24. Mai 1848, ebenſo an Eggers). Noch im Juni
1848 ſteht er bei Gelegenheit der allgemeinen deutſchen Stu⸗
dentenverſammlung auf der Wartburg ſeinem Freunde Eggers
als entſchiedener Republikaner gegenüber. Iſt er mit den ra⸗
dikalen Politikern ſeiner Zeit einig über das Ziel, nach dem
geſtrebt werden müſſe, ſo trennt er ſich energiſch von ihnen,
ſobald die Mittel zur Erreichung jenes Zieles erwogen werden.
Er verwirft mit ſeinem Lehrer Gervinus die Revolution ent⸗
ſchieden und glaubt, nur auf dem Wege der Evolution könne
man die erſehnte ſchöne Zukunft verwirklichen. Jubelnd be⸗
grüßt er darum die Märzerrungenſchaften, die die Erreichbar⸗
keit der erſehnten Ziele auf dem Wege geſetzlicher Entwicklung
zu gewährleiſten ſchienen, aber ebenſo ſcharf muß er die Auf⸗
ſtandsbewegung verurteilen, die Struves und Heckers blinder
übereifer im badiſchen Oberland entzündet hatte. „Wer in
Baden jetzt an eine innere Revolution denkt, iſt ein Verräter
an der Freiheit!“ Und wenn er zehnmal die Republik als die
Zukunft ſeiner Heimat im Herzen trägt, aus den Händen
ignobler Winkelliteraten vom Schlage ſeiner früheren Univer⸗
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