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20 Des Dichters Leben und ſeine Werke.
während des Jahres 1849, die ſeine letzten Hoffnungen zu
Boden ſchlugen und die dann die ſeiner Natur eigentümliche
Form der Reaktion auf tiefere ſeeliſche Erlebniſſe, die Ironie
und Satire, hervorriefen, wofür der Leſer im 9. Band von
S. 45 ab zahlreiche Beiſpiele findet. Unſere Ausgabe bietet nun
im 10. Bande zum erſten Male Gelegenheit, die literariſchen
Zeugniſſe der Teilnahme Scheffels am politiſchen Leben kennen
zu lernen. Wir möchten zu jenen Beiſpielen hier noch eine
Ergänzung hinzufügen, die des jungen Dichters lebhafte Be⸗
teiligung an den Vorgängen auch des Jahres 1848 beweiſt.
Zunächſt ergibt ſich aus einer Briefſtelle an Auguſt Eiſenhart
(Luiſe von Kobell a. a. O. S. 8), daß Scheffel im März
1848 eine politiſche Rede gehalten hat. Sie muß wohl nach
der Auffaſſung der maßgebenden Perſonen Tendenzen verfolgt
haben, die mit den nach dem Maiaufſtand in Baden geltenden
Anſchauungen nicht in Einklang zu bringen waren. — Weiter
aber leſen wir in einem Brief von Eduard Rahn (geſtorben
1864 als Kreisrichter in Frankenſtein, Mitglied des preußi⸗
ſchen Abgeordnetenhauſes) an Schwanitz, Breslau, den 14.
Auguſt 1849: „Ich kann es mir überdies recht wohl denken,
daß Joſeph, wenngleich im ruhigen Geſpräch philoſophiſch dok⸗
trinär, durch die wilde Poeſie der Revolution mit fortgeriſſen
worden iſt und durch die Tat ſeines Herzens warmen Schlag
offenbart hat, — ebenſo wie damals, als er im März 1848 die
Stimme des badiſchen Volkes' gegen den norddeutſchen Ma⸗
zedonierfürſten ſchleuderte.“ An den Rand hat Schwanitz ge⸗
ſchrieben: „Gemeint iſt das damals von Scheffel veröffentlichte
Flugblatt.“ Dieſes Flugblatt aber befindet ſich noch im Nach⸗
laß Schwanitz' und trägt von ſeiner Hand die Aufſchrift: „Ver⸗
faßt von Joſeph Scheffel.“ In ihm hätten wir nach dieſen ein⸗
wandfreien Zeugniſſen die erſte journaliſtiſch⸗politiſche Auße⸗
rung unſeres Dichters zu erblicken. Aufgabe der Lokalforſchung
wäre es nun, das Original mit den Unterſchriften im Archiv
der badiſchen Kammer aufzufinden. Der Wortlaut iſt dieſer:“
Stimme aus Baden.
I. Adreſſe an die badiſche Kammer.
Hohe Kammer der Volksabgeordneten!
Der König von Preußen hat am 21. März einen Aufruf an „ſein
Volk und die deutſche Nation“ erlaſſen. Sein Inhalt iſt bekannt. Die
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