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Des Dichters Leben und ſeine Werke. 21
Unterzeichneten, als Angehörige der deutſchen Nation, halten es für
ihre Pflicht, darauf zu antworten; — was ſie antworten, iſt keine
vereinzelte Stimme, ſondern ein Ruf, in den alle Gauen des Vater⸗
landes einſtimmen!
Ein König von Frankreich konnte vor zwei Jahrhunderten noch
in ſtolzem Selbſtherrſchaftsgefühl ſprechen: der Staat bin ich! —
wenn aber in unſern Tagen ein Fürſt auftritt, wie es Preußens
König tut, und ſagt: Deutſchland bin ich! ſo kommt er eben zwei
Jahrhunderte zu ſpät. Das deutſche Volk hat ſich ſelbſt die Freiheit
errungen; es erkennt in ſich ſelbſt den Quell und Urſprung ſeiner
Freiheit, und wird auch die Bewahrung derſelben nur den Händen
anvertrauen, die es ſelbſt für die würdigſten hält.
Von einem König aber, der ſeine Rechte nicht vom Volke, ſondern
von einem romantiſchen Phantom „göttlicher Einſetzung“ ableitet,
erwarten wir keine Aufrichtigkeit für unſere Beſtrebungen; — einen
König, der heute mit Bajonetten und Kartätſchen auf die gerechten
und wahrlich nicht unbeſcheiden vorgetragenen Volkswünſche ant⸗
wortet, und ſchon morgen mit einer ſüß ſchmeichelnden Proklamation
dieſelben für ſeine eigenen erklärt, — einen König, der heute auf
die ſchwarz⸗rot⸗goldenen Farben als hochverräteriſch fahnden läßt
und morgen ſeine eigene Bruſt damit ſchmückt: den kann das deutſche
Volk nicht für den Mann halten, der für Deutſchland die „Leitung
in den Tagen der Gefahr zu übernehmen“ fähig wäre!
Achtung und Ehre dem preußiſchen Volke, unſern Mitbrüdern!
Schon zur Zeit des vereinigten Landtags ſind unſre Sympathien im
Weißen Saale zu Berlin bei den Männern geweſen, die trotz jenes
Flickwerks von Verfaſſung einen freien Geiſt herauf beſchworen,
ſo wie wir auch jetzt unſere Bewunderung den Helden zollen, die
hinter den Barrikaden Berlins als Blutzeugen der Frrißeit fielen;
aber eben weil wir das Heil des Volkes wollen, proteſtieren wir
gegen die Hegemonie eines Fürſten, unter deſſen Herrſchaft uns ein
ähnliches „Mißverſtändnis“ treffen könnte, wie unſere Berliner Brü⸗
der am 18. und 19. März; — wir proteſtieren im Namen des deut⸗
ſchen Volkes gegen die Leitung, die der König von Preußen über⸗
nehmen will, ohne daß er dazu berufen ward.
Auch wir wollen gemeinſam deutſche Maßregeln für Abwendung
der augenblicklichen Gefahr, — auch wir hoffen in bäldeſter Zeit
eine Wiedergeburt Deutſchlands; aber die Garantien dafür liegen
nicht in der Königl. Proklamation vom 21. März, ſondern in dem
aus deutſchen Volksmännern zu bildenden Parlament. Vom deutſchen
Parlament wird die Leitung in den Tagen der Gefahr ausgehen, —
dem König von Preußen iſ⸗ ſie nicht zu übertragen, — er hat auch
kein Recht, ſie zu übernehmen!
Die allgemeine Stimme der Unterzeichneten geht alſo dahin:
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