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Des Dichters Leben und ſeine Werke. 25
dem März v. J. in ihre Winkel verkrochen hatte, nun, wie die
Fröſche nach dem Gewitter, unter dem Schutz preußiſcher Ba⸗
jonette wieder ans Tageslicht herfürſchlüpfte, und zu quaken
begann, und wie ich ſah, mit welchen Mitteln bei uns reſtau⸗
riert ward, da wurde es mir ſo unendlich ſchwül und eng zu⸗
mute, daß ich's in dieſer Atmoſphäre nicht mehr aushalten
konnte*). Da nahm ich abermals den Wanderſtab und ging
mit einem wackern Genoſſen, dem Profeſſor Häuſſer von Hei⸗
delberg, an den Bodenſee und, den Rhein bis an ſeine Quellen
verfolgend, in das primitive Land Graubünden, wo ſich eine
Alpenwelt, gleich der im Berner Oberland, auftut. Und an
Italiens Grenze hab ich auch ein Weniges in das Land meiner
Jugendwünſche hineingeſchaut, wir ſtiegen über den Splügen
nach Chiavenna hinab und ſiedelten uns eine Woche am Lago
di Como feſt.
Da hab ich gewohnt, am wundergrünen See, am Fuß der
Villa Sommariva, wo Thorwaldſens Alexanderzug und Ca⸗
novas Statuen einen Vorſchmack antiker Plaſtik geben, und
hab das Lorbeergezweig und die Olivenbäume um mich rau⸗
ſchen laſſen und in italiſcher Luft und in italiſchem dolce far
niente wieder meinen alten Menſchen, d. h. den Kunſt⸗ und
Naturſinnigen, der ſeit 1848 unter einem Trümmerhaufen
politiſcher Pflaſterſteine begraben lag, zur Auferſtehung ge⸗
bracht; und hab in der Schifferbarke die Odyſſee geleſen, und
die hat beſſer getönt, als alles Broſchürengequieke über all⸗
gemeines oder beſonderes Wahlrecht oder über den Erbkaiſer
und weiß der Teufel was noch.“ L
Dann ſaß Scheffel wieder im heimatlichen Hauſe, aber die
Zukunft iſt ihm rätſelhafter als je: Der politiſche Bankerott
Deutſchlands zehrte an ihm. Die Verwerfung der Reichsver⸗
faſſung trägt nun ihre böſen Früchte, der alte Dynaſtien⸗
wahn verhunzt das ſchöne Land, und das Univerſalheilmittel
dagegen, die Republik, iſt unmöglich geworden durch ihre ei⸗
*) Dazu kamen noch die Schikanen, die man ihm wegen ſeiner kurzen journa⸗
liſtiſchen Tätigkeit und wegen der oben ſchon erwähnten Rede aus den März⸗
tagen 1848 bereitete (Luiſe v. Kobell, a. a. S. S. 8) und an Schwanitz, S. 134:
Ich ſtehe auf der roten Liſte als Wühler aus den Märztagen und Begleiter
Welckers und hab mich deshalb ſchon der allerhöchſten Ungnade des fürtreff⸗
lichen Geh. Rat. Schaaff (des Zivilkommiſſars vor Raſtatt) zu erfreuen gehabt.
's iſt zum Lachen.
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