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28 Des Dichters Leben und ſeine Werke.
wurzelt zweifellos in der Romantik, und zwar in der Roman⸗
tik, die noch alt und echt iſt. Aber er ſteht mit ſeiner Geſund⸗
heit, mit ſeiner Hemdärmeligkeit, wie man wohl geſagt hat,
in ſcharfem Gegenſatz zu der reaktionären Dichtung der Met⸗
ternichperiode ſowohl wie zu der Tendenzpoeſie des jungen
Deutſchlands: Dem Dichter iſt der phraſenhaft aufgebauſchte
Wortſchwall der politiſchen Dichtung ebenſo zuwider wie der
„amaranthne Weihrauchduft der frommen Seele und die an⸗
ſpruchsvolle Bläſſe“ eines Redwitz (1849) oder die Süßlich⸗
keit eines Roquette (1851). Aber er kennt Arnims Studen⸗
ten und ihre Schickſale, er kennt den Taugenichts Eichendorffs,
der wie ſein Werner unbekümmert um Weg und Ziel in die
Welt hinausläuft und ſich durch ſie hindurchfiedelt wie jener
ſich durch ſie hindurchbläſt. Und noch an ein Werk ſei er⸗
innert, deſſen Schöpfer freilich zu den politiſchen Dichtern ge⸗
zählt wird, das aber völlig in den Duft der Romantik ge⸗
taucht iſt. Scheffel hat zum Geburtstag 1851 Kinkels Otto der
Schütz von den Eltern als Geſchenk erhalten, und die Liebe
des Schützen Otto, der als Fahrender durch die Welt ſchweift,
und die Liebe der hochſtehenden gräflichen Tochter gewinnt,
und die Liebe der hochſtehenden Grafentochter gewinnt, mag
ihn wohl oft an ſeines Spielmanns Werner Leidenſchaft
ihm aber der „Beſchluß“ ins Herz geklungen:
Es ſang ein Mann des Rheins dies Lied,
Dem Minne Luſt und Lied beſchied.
Ihm war das Lied ein Leidvertreib:
Er minnet ſelbſt ein hohes Weib;
Des eignen Herzens ſüße Sorgen
Hat er im ſchmucken Reim verborgen.
Die Hehre, die dies Lied nicht nennt,
Er weiß, daß ſie den Klang erkennt,
Den voll und klar aus Mannesbruſt
Heraufrief ihrer Küſſe Luſt.
So ſpiegle denn in Ottos Glück
Die eigne Zukunft ſich zurück
Und lehr' uns dieſe Mär' fortan:
Sein Schickſal ſchafft ſich ſelbſt der Mann.
Es iſt mit Sicherheit anzunehmen, daß Kinkels Geſtändnis
verwandte Töne in Scheffels Herzen hat aufjauchzen laſſen.
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