Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw1/0035
Des Dichters Leben und ſeine Werke. 31

iſt, dem ſeinem innerſten Weſen nach germaniſchen Werk unter
Verzicht auf die virgilianiſchen Flitter auch eine angemeſ⸗
ſene deutſche Form — und als die angemeſſenſte erſchien ihm
der Nibelungenvers — zu geben. Von der Verdeutſchung ur⸗
teilt Scheffel ſelbſt, als er nach 20 Jahren mit Otto Hölder
zuſammen eine wiſſenſchaftliche Ausgabe des Waltharius un⸗
ternahm, ſie ſei von einem glücklichen Hauch jugendlicher Friſche
durchweht. Sie hat ſich längſt im deutſchen Haus und vor allem
auch in der deutſchen Schule Heimatrecht erworben. Beim
Studium der Quellen aber, die er für ſeine rechtshiſtoriſche
Abhandlung durchſtudierte und die er in geradezu idealer Weiſe
in Pertz' Monumenta Germaniae historica vereinigt fand,
ſtiegen ihm aus den St. Galliſchen Kloſterchroniken die ſchatten⸗
haften Geſtalten der Herzogin Hadwig, deren Name ihm in
glücklichen Jugendjahren ſchon aus dem Munde der Großmut⸗
ter entgegengeklungen war, des Mönchs Ekkehard und anderer
Kloſterbrüder entgegen, und ſie umſchwebten ihn bei Tag und
zogen bei Nacht durch ſeine Träume und flehten: Gib uns den
Bluttrank, damit wir lebendig werden. Und wiederum ward
die Rechtswiſſenſchaft aus dem Feld geſchlagen von den drän⸗
genden Geiſtern, die des Dichters Bewußtſein erfüllten, und
im Frühjahr 1854 war er ſoweit, daß er den Wanderſtab er⸗
greifen mußte, die Gegenden zu ſehen, in denen ſeine Luftge⸗
ſtalten heimiſch waren. Es gehört zu den Gebundenheiten in
der Art unſeres Dichters, daß ihm — etwa im Gegenſatz zu
Schiller — die Phantaſie im Stich ließ, wenn er eine Natur
darſtellen ſollte, die er mit leiblichen Augen nicht erblickt*).
Was er dort getrieben im Hegau, am Bodenſee und auf dem
Säntis, das erzählt er ſelbſt in der Vorrede zum Ekkehard, auf
die wir verweiſen.
Was aber der Dichtung ihren eigenſten Gehalt gab, was ſie
aus der Zahl der — ſagen wir einmal — objektiv berichtenden
hiſtoriſchen Erzählungen hoch emporhob zu einzigartiger Gel⸗
tung, was ihr den Bekenntniswert verleiht, den Charakter eines
Bruchſtücks der großen Konfeſſion, die das Lebenswerk eines
Dichters nach Goethes Meinung darſtellen ſoll, das war nicht
zu erſtudieren, das war nicht zu erwandern, das mußte erlebt
werden. Die Dichtung, die er bisher als geſtaltender Künſtler

*) Vgl. Alberta v. Freydorf im Scheffeljahrbuch 1897, S. 2 f.


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw1/0035