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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw1/0036
32 Des Dichters Leben und ſeine Werke.

mit einer gewiſſen objektiven Ruhe (man verſtehe den Ausdruck
nicht etwa im Sinne von Gleichgültigkeit, ſondern im Sinne
eines gewiſſen Darüberſtehens) geformt und fein ziſeliert hatte,
ſie ſtockte plötzlich, wie von böſen Geiſtern gehemmt. Das Ge⸗
dicht „Poetennot“ im 9. Band gibt eine Art Vorſchmack der
ſpäter weſentlich geſteigerten Dichterqual. Wo iſt die organiſche
Löſung, die von innen heraus die begonnene Entwicklung, die
ihrem Höhepunkt nahe iſt, zu Ende führt? ſo lautet die Frage.
Und da ſtellte ihm denn — dürfen wir ſo ſagen, da es den Dich⸗
ter als Menſchen doch ſo unglücklich gemacht? — ein günſtiges
Geſchick abermals ſeine Liebe zu Emma Heim in den Weg. Noch
einmal flammte die alte Leidenſchaft auf, die ihm ſeit Jahren
im Herzen ſaß. Was aber den Sang vom Trompeter mit glück⸗
verheißender Zuverſicht erfüllt hatte, das mußte den Dichter
jetzt, wo ihm Emma durch ihre Verheiratung endgültig verloren
war, als namenloſer Schmerz erſchüttern, und ſo mannhaft er
auch wider ſich ſelbſt rang, ſo ward er doch bis in die tiefſten
Tiefen ſeines Seins durchgeſchüttelt, und er drohte zu erliegen.
Da bot ihm der Genius der Dichtung die Hand und wies ihm
den Weg, der zur Befreiung von all der drängenden Seelenqual
führte: er ſelbſt ward zum Ekkehard, und wie er ſeinen Helden
von dem peinigenden Druck ſeiner verzehrenden Leidenſchaft
erlöſte durch eine männliche Tat, durch die Schöpfung einer
von kühnem Heldengeiſt erfüllten Dichtung, befreite er ſich ſelbſt
von ſeiner ſeeliſchen Not dadurch, daß er ſie in künſtleriſche
Form zwang. Auch er iſt, wie Ekkehard, aus den Träumen er⸗
wacht und durch die dunkle ſchreckliche Nacht hinaufgeſtiegen in
die ſcharfe Luft der Berge, wo er zum Mann und Dichter
wurde *).
Es iſt ſelbſtverſtändlich, daß auch der Ekkehard in einer lite⸗
rariſchen Tradition ſteht und daß deshalb auch hier der Zu⸗
ſammenhang mit ſeinen Vorläufern wenigſtens angedeutet wer⸗
den muß. Natürlich haben wir keine Gelegenheit, die Geſamt⸗
entwicklung des hiſtoriſchen Romans aufzurollen, deſſen künſtle⸗
riſche Möglichkeit überdies von manchen Theoretikern, wie z. B.
von Leo Gregorovius beſtritten wird.
*) Es iſt das Verdienſt Boerſchels, dieſe Zuſammenhänge zuerſt erkannt und
dargeſtellt zu haben. Auf ſein Buch über „Scheffel und Emma Heim“ ſei auch
hier nochmals nachdrücklich verwieſen. Kein Scheffelfreund darf an ihm vor⸗
übergehen.


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