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38 Des Dichters Leben und ſeine Werke.
gedacht haben, hatte er ſich doch gerade um dieſe Zeit unter dem
Hinweis auf die Walthariüberſetzung und auf „ein größeres
Manuſkript, das augenblicklich die Buchhandlung in Händen
habe“, um die Stelle eines Profeſſors am eidgenöſſiſchen Poly⸗
technikum in Zürich beworben. Dabei charakteriſiert er ſich
ſelbſt als einen Mann, der nach dem ganzen Gang ſeiner
Studien und Bildung die Überzeugung hegen darf, daß er
eine dem Geiſt und Bedürfnis des Polytechnikums entſprechende
Auffaſſung der deutſchen Literatur beſitze. „Sie würden an
mir keinen ſtrengen monotonen altdeutſchen Philologen und
keinen mit flitternden Phraſen gerüſteten AÄſthetiker erwerben,
ſondern einen einfachen Mann, der die geiſtige Vergangenheit
mit der Gerechtigkeit deſſen beurteilt, der aus eigener Erfah⸗
rung weiß, wie und warum das Kunſtwerk im ſchöpferiſchen
Gemüt entſteht, und der zugleich als Hiſtoriker im einzelnen
immer nur einen Teil eines großen Ganzen ſieht, einzureihend
in das Kulturleben ſeiner Entſtehungszeit und darzuſtellend
nach den damit gemeinſamen und den ſich davon ſpezifiſch ab⸗
hebenden Momenten*).“ Nebenbei geſagt war die Bewerbung
vergeblich, man zog Friedrich Theodor Viſcher dem Dichter
des Trompeter vor.
Scheffels Lebensweiſe in Karlsruhe („er iſt ein Troglodyt un
einſam brütender Mann geworden, der zur Außenwelt ſchier
alle Beziehungen abgebrochen hat“) war die verkehrteſte, die
es für ſeine geiſtigen und körperlichen Zuſtände gab, im Kreiſe
ſeiner Heidelberger Freunde, wo wir ihn im Februar 1855
finden, lebt er ſcheinbar neu auf. Er klagt ja über Krampf
im Arm und Reizbarkeit im Kopf, er ſchauert manchmal zu⸗
ſammen und zittert wie Eſpenlaub im Wind, aber er glaubt
auch die Medizin dagegen zu wiſſen: er will bald einmal den
Büchern und der Studierſtube Valet ſagen und hinauswandern
in die weite Welt; „im friſchen Leben ſitzt zudem eine tiefere
und lautere Quelle der Erkenntnis, als in allem zuſammen⸗
geſuchten gelehrten Zeug.“ Und tatſächlich zieht er Anfang
Juni gemeinſam mit Feuerbach, dem Meiſter Anſelmus, nach
Italien. L
Die einzige Erholung während des in angeſtrengter Arbeit
*) Briefe Scheffels an Schweizer Freunde, herausg. von Frey. Zürich 1898,
S. 50.
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