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Des Dichters Leben und ſeine Werke. 43
kommen entzwei gebrochen, zumal er ſich den Tod der Geliebten
als perſönliche Schuld anrechnete, da er immer und immer
wieder in Karlsruhe gebeten hatte, bis die Eltern den urſprüng⸗
lichen Widerſtand, den ſie der Überſiedelung Mariens nach
München entgegenſetzten, fallen ließen. Es liegen uns ergrei⸗
fende Briefe der unglücklichen Mutter an Schwanitz über Ma⸗
riens Tod vor, aus denen wir mit Rückſicht auf den Raum
nur wenige Proben geben können, um die Stimmung zu kenn⸗
zeichnen: „Wenn Sie ſich zum ungeheuerſten Schmerz noch die
bitterſten Selbſtqualen denken, ſo haben ſie ein ſchwaches Bild
meines — unſeres gebrochenen Zuſtandes — das Haus Schef⸗
fel — wenn auch immer ein Sitz des Kummers, doch auch der
Heiterkeit — iſt jetzt ein Haus der Trauer und des bodenlo⸗
ſeſten Jammers“ Anfang März 1857). „Ich habe den Brief
(von Schwanitz) auch Joſeph zu leſen gegeben und fand ihn dann
darüber hingelegt und drüber herabweinend wie ein Kind. So
iſt es bei uns — wird Joſeph ruhiger, ſo beginne ich die laute
Herzensklage — und bin ich ſtill, ſo weint und ſeufzt er laut
hinaus. Dann kommen Freunde — die weinen mit, oder es
kommen Briefe — oder wir ſind auf dieſe oder jene Weiſe mit
ihrem Andenken beſchäftigt. Anderes tun wir noch nicht, als
was ſich auf ſie bezieht“ (Mitte Auguſt 1857).
Scheffel hat nach Mariens Tod den Aufenthalt in München
abgebrochen, der ſehr verheißend begonnen hatte, ja er ſcheint
ſogar unter der Wucht der Ereigniſſe den Wiedereintritt in
den Staatsdienſt erwogen zu haben. Die Mutter ſchreibt an
Arnswald, den Wartburgkommandanten: „Hier ward ihm auch
eine Stelle am Archiv in Ausſicht geſtellt, ja ſchier zugeſagt.
Da bewarb ſich aber ein ganz mittelloſer Jugendfreund darum
und er verzichtete.“ Und an Schwanitz (April 1857): „Tröſten
Sie ſich mit Joſeph — er hat ſich zwar um nichts gemeldet —
man weiß aber auch ſehr gut, daß er ſeinem Vaterlande nützen
könnte und auch den Willen dazu hat — man könnte ihm
alſo doch Vorſchläge machen — beſonders da die Zahl der ge⸗
reiſten Uundeutlich! und mehr als einſeitig gebildeten Juriſten
und Philologen nicht eben ſehr groß iſt, aber es geſchieht nir⸗
gends etwas für ihn. Er ſoll ſich bewerben, heißt es — Joſeph
aber will ſich um keinen Preis einem etwaigen Refus ausſetzen
— und ſo kommt er und der Staat eben nicht ſo bald zu⸗
ſammen.“ Sehr aufſchlußreich über Scheffels Stimmung im
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