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44 Des Dichters Leben und ſeine Werke.
Frühling 1857 iſt der Brief bei Luiſe von Kobell a. a. O. S. 32,
auf den wir hier nur hinweiſen können.
Der Tod der Schweſter wirkt natürlich auch in der Dich⸗
tung Scheffels nach. Im 9. Bd., S. 119ff., findet der Leſer
ein paar lyriſche Gedichte und im 2. Bd. die kleine feine Er⸗
zählung Hugideo. Die Entſtehung mag wohl durch die
Büſte Mariens, die Konrad Knoll in München gefertigt
hatte, veranlaßt worden ſein. So bildet auch hier ein echtes
Erleben den tieferen Kern der Erzählung, vielleicht war's der
plötzlich aufſteigende Wunſch: Du möchteſt dich mit dem Bilde
der Teuern aus dem Sauſen und Brauſen der Welt in ſtille
Einſamkeit zurückziehen. Wieder wählt der Dichter für ſein
Erlebnis hiſtoriſche Einkleidung: die Völkerwanderung ſchleu⸗
dert ihre „ſummariſch, aber glücklich geſchilderte wogende Bran⸗
dung“ an die einſame Rheinklippe, auf deren Höhe Hugideo der
verlorenen Geliebten nachtrauert. — OÖfters kann man leſen,
der Spilimbergoroman, zu deſſen Titelheldin nach glaubwür⸗
digen Zeugen Maria Modell geſtanden oder beſſer Modell
ſtehen ſollte, ſei um des Todes der Schweſter willen nicht ge⸗
ſchrieben worden. Die Annahme iſt ſicher irrig und zeugt von
geringem Verſtändnis für des Dichters Eigenart. Gerade weil
Marie geſtorben iſt, gerade weil er um ſie den ungeheuren
Schmerz trug, gerade deshalb hätte die Dichtung werden ſollen,
wenn auch nicht ſofort aus dem friſchen Leid heraus ſo doch
ſpäter:
Und wenn der Menſch in ſeiner Qual verſtummt,
Gab mir ein Gott, zu ſagen, was ich leide.
Da war ja das große ſeeliſche Ereignis, das förmlich zu
poetiſcher Selbſtbefreiung zwang, das der Dichter braucht, um
mit den Geſchöpfen ſeiner Phantaſie auch innerlich, gemütlich
zu verkehren und von innen heraus ihr Geſchick ſich entwickeln
zu laſſen! Warum iſt Maria nicht in Irene di Spilimbergo
wieder zum Leben erſtanden? War dem Unſteten der Stoff
ſchon wieder ſo fremd geworden? Waren ihm die Geſtalten
des Romans, Dietrich von Rotenſtein, Grandenigo und Irene
ſelber nach ihrer — ſagen wir einmal — äußerlich geſchicht⸗
lichen Eigenart, nach ihren auch objektiv, auch von außen zu
erfaſſenden Umriſſen noch gar nicht ſo nahe gekommen, daß
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