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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw1/0049
Des Dichters Leben und ſeine Werke. 45⁵

jener Verſchmelzungsprozeß, jenes Aufgehen des Dichters
in ihnen ſich vollziehen konnte? Oder offenbart ſich in dieſem
Verſagen doch vielleicht ſchon die ſinkende Kraft, das Mißver⸗
hältnis zwiſchen Wollen und Können, das Scheffel ſpäter noch
ſo furchtbare Pein bereiten ſollte? Wer will's ſagen?
Der Sommer 1857 führte den Dichter von neuem auf Reiſen,
diesmal nach Nordfrankreich und Paris, im Herbſt zog Scheffel
mit Wilhelm Riehl durch den Rheingau, um dann in Heidel⸗
berg die Winterquartiere zu beziehen, wo die alten Beziehungen
zum Engeren gern und fruchtbringend erneuert wurden.
Der September 1857 brachte aber auch die folgenſchwerſte
Verbindung in Scheffels ſpäterem Leben: die Berührung mit
dem Großherzog Carl Alexander von Sachſen. In Weimar,
wohin er zur Teilnahme an der Einweihung der Dichterdenk⸗
mäler geladen worden war, ſtand der Dichter zum erſten Male
vor dem kunſtſinnigen Fürſten, und auf der Wartburg vor dem
Sängerkriegbilde des Meiſters Schwind gab er ihm das Ver⸗
ſprechen, die Wartburg in den Mittelpunkt eines neuen großen
Romans zu ſtellen. Die Jahre der Wartburgdichtung ſind die
leidvollſten in Scheffels Leben, denn ſie offenbarten dem rin⸗
genden Dichter die ſchmerzliche Tatſache feiner geſunkenen Ge⸗
ſtaltungskraft, ſie zerſtörten ſeinen letzten Dichtertraum, ſo
daß er endlich müde und matt den Griffel aus der Hand legte.
Dieſe Erkenntnis wuchs in ihm unter dem zäheſten Widerſtand,
den nicht nur ſein Dichterwille, ſondern auch jenes als väter⸗
liches Erbteil in ihm lebendige Pflichtbewußtſein leiſteten. Und
nur die äußerſte ſeeliſche Not konnte ihm unter dem Einfluß
des Arztes endlich dahin bringen, daß er ſich vom Großherzog
ſein Verſprechen, deſſen Erfüllung unmöglich geworden war,
zurückgeben ließ. Wohl hielt er auch dann noch, als der Zwang,
das quälende „Du mußt“ von ſeiner Seele genommen war,
an ſeinem Plan feſt. Noch 1862 heißt es: „Zu frohem Werke
ſteht mein Wort verpfändet, ich geh zu Grunde oder ich voll⸗
brings.“ Aber wie es ſo kommt: Der Kampf des ſtolzen Wil⸗
lens, der, wenn er fordert, nunmehr nur ſich ſelbſt gehorcht,
gegen das mit allen Mitteln verleugnete Bewußtſein, daß die
Kräfte dahin ſeien, endete allmählich mit dem Siege des letz⸗
teren. Das geſpannte Pflichtgefühl lockerte ſich allgemach zum
bloßen Vorſatz, und von Mitte 1863 ab ſind die Gedanken
Scheffels nur noch gelegentlich dem Werke zugewendet, dem


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