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46 Des Dichters Leben und ſeine Werke.
jahrelanges heißes Ringen gegolten. Das hohe Ziel blieb
unerreicht. Ein Torſo lagert unter den Nachlaßpapieren, und
nur ein paar Bruchſtücke ſind eben vor ein paar Tagen in der
Beilage zur „Täglichen Rundſchau“, „Weihnachten 1916“ von
den Hüter der Scheffelſchen Hinterlaſſenſchaft, Werner Kremſer,
mitgeteilt worden. Leider nur ganz dürftige Koſthappen.
Scheffel ging bei dem Entwurf zu ſeinem Werk von dem Ge⸗
danken aus, die glänzendſte Periode in der Geſchichte der
Wartburg, die mit der Blütezeit der mittelhochdeutſchen Dich⸗
tung zuſammenfällt, im bunten Bilde zu veranſchaulichen.
Der ſagenhafte „Wartburgkrieg“ gab das Motiv des Kampfes
der Geiſter; verwelſchtes und deutſches Weſen traten in Wolf⸗
ram von Eſchenbach und Heinrich von Ofterdingen*) einander
gegenüber. Der Ofterdinger unterliegt, ſo lang er nur mit
dörperlichen Tanzweiſen, mit volkstümlichen Liedern gegen
die ausgebildete Formkunſt des Parzivaldichters ſtreitet, aber
er wird zum Sieger, als er in der heimiſchen Oſtmark die
lateiniſche Geſtalt des Nibelungenliedes findet, die der Meiſter
Konrad zu Paſſau geſchaffen und die er nun in deutſche Form
gießt, um damit dem erſchütternden Sang von der Liebe Luſt
und Leid, dem köſtlichen Loblied germaniſcher Treue die Gel⸗
tung zu verſchaffen, die ihm gebührt. In der 52. Anmer⸗
kung zur Frau Aventiure (Bd. III) iſt das in großen Zügen
angedeutet. L
Der von Scheffel erſonnene Plan war wohl einer dichteriſchen
Ausgeſtaltung fähig, falls dem Poeten die Handlung teuer
wurde und die Geſtalten ihm voll aufgingen. Und das Epi⸗
ſodiſche, das ſich herandrängte, verſprach die innere Bedeutung
und die leuchtende Farbenpracht der geplanten Schöpfung noch
zu erhöhen**). Mit der Kreuzfahrt Ludwigs des Milden und
der Eroberung Akkons durch die Thüringer gedachte Scheffel
einzuſetzen, die Überführung des Leichnams des Landgrafen
ſollte den Forſtmeiſter Biterolf hervortreten laſſen, Reinmar
der Alte würde ſich an dem Ofterdinger reiben und ihm, dem
Volksliedſänger, eine Zukunft als Bären⸗ und Dromedarführer
*) Über den Ofterdinger vgl. Rieſenfeld, Heinrich v. Ofterdingen in der
deutſchen Literatur. Berlin 1912.
**) Bgl. Adolf Stern, Studien zur Literatur der Gegenwart. Dresden 1898,
S. 188.
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