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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw1/0051
Des Dichters Leben und ſeine Werke. 47

prophezeien, die geheimnisvolle Griechin Viola träumt in der
Marienglashöhle bei Reinhardtsbrunnen von ihrer Heimat.
Wolfram und Walter, der letztere von Berlt, ſeinem indiskreten
Singerknaben begleitet, und der tugendhafte Schreiber treffen
mit thüringer Lokaldichtern, wie dem Vogt von Tenneberg,
zuſammen, die fahrenden Schüler ziehen ſchmarotzend durch
das Land, und einſame Geſellen wie der flüchtige Byzantiner
Anaſtaſius und der grübleriſche Magnus vom finſtern Grund
tragen einen weltſchmerzlichen und jenſeitsſehnſüchtigen Ton
in die Symphonie des Ganzen. Und zwiſchen allen Heinrich
von Ofterdingen, der Leben und Odem vom Leben und Odem
Scheffels zu gewinnen ſcheint, wie einſt Ekkehard! Alles
Vorausſetzungen, die das ſchönſte Gelingen ahnen laſſen. Wie
kam's, daß ſo viel verheißende Anſätze nicht zum Kunſtwerk
wurden?
Der Urſachen ſind mannigfache.
Scheffel hatte ſich neben der möglichen auch eine unmög⸗
liche Aufgabe geſtellt. Wohl war der Ofterdinger zu beleben
und zum Träger der hiſtoriſch unbeſtrittenen Tatſache zu ma⸗
chen, daß die mittelhochdeutſche Volksepik um die Wende des
12. zum 13. Jahrhunderts einen köſtlichen Aufſchwung ge⸗
nommen. Aber Scheffel wagte es nicht, dieſem Ofterdinger
ſelbſtändig friſch und fröhlich zu erdichten, wie er wohl ge⸗
konnt hätte, ſondern er gedachte, der Geſtalt ſeines Helden
vorher einen unanfechtbaren wiſſenſchaftlichen Boden zu be⸗
reiten. Er wollte alle die Fragen löſen oder doch zu ihnen
Stellung nehmen, die die germaniſtiſche Literatur⸗Wiſſenſchaft
ſeit Jahrzehnten in Hinblick auf das Nibelungenproblem und
was mit ihm zuſammenhängt, beſchäftigte und ſie in feind⸗
liche Heerlager teilte, und er vergaß dabei, daß er bei der
notwendigen Parteinahme ja doch keinen, der im andern Lager
ſtand, hätte von der Richtigkeit ſeiner Auffaſſung überzeugen
können. Er wollte wiſſenſchaftliche Streitfragen löſen und
war doch ein Dichter, der ſchaffen ſollte und der ſich dabei
den Kuckuck um die Wiſſenſchaft zu ſcheren hat. Er legte den
urkundlichen Beweiſen zu großes, ja faſt allein geltendes Ge⸗
wicht bei, er verlor ſich bei der Aufſpürung von allerhand
Beziehungen in Nebenſachen, die dann wieder in ſeinem Be⸗
wußtſein ſo große Bedeutung erlangten, daß ſie ſelbſtändige
Geltung heiſchten. Es kommt einem faſt vor, als hätte Schef⸗


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