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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw1/0052
48 Dees Dichters Leben und ſeine Werke.

fel unbewußt jenes Geſetz der franzöſiſchen Poſitiviſten und
Naturaliſten, das aus der Dichtung eine Wiſſenſchaft und aus
dem Kunſtwerk eine exakte Leiſtung zu machen ſuchte, für
ſeine Zwecke angewandt. Einem iſt das Experiment ja ſpäter
mit einem hiſtoriſchen Stoff geglückt: Flaubert in der Sa—
lambo. Aber Scheffel iſt an der Aufgabe geſcheitert und mußte,
auch wenn man ſie im Sinne jenes Theorems faßt, an ihr
ſcheitern, weil ja die Geſtalt des Ofterdingers, alſo des Helden
der Erzählung, hiſtoriſch, wenigſtens mit den Mitteln der
heutigen Wiſſenſchaft, überhaupt nicht einwandfrei zu erwei⸗
ſen iſt *).
Und zu dieſer für unſern Dichter verhängnisvollen Ver⸗
quickung von Wiſſenſchaft und Dichtung kam ein zweites, durch
jene bedingtes, das oben ſchon angedeutet wurde: Der Roman
wuchs ſich zu einem ganzen Zyklus von Erzählungen aus.
Die Geſchichte der erſten lateiniſchen Nibelungendichtung, die
Scheffel urſprünglich als Epiſode dem Wartburgwerk einzu⸗
flechten gedachte, hatte allmählich Dimenſionen angenommen,
wie „die alte Ulme im Kloſtergarten⸗Schlößlein zu Hirſau“,
und der Dichter ſah ſich gezwungen, ſie aus dem alten Rahmen
herauszulöſen und als ſelbſtändiges Werk zu geſtalten („Mei⸗
ſter Konrad“; insgeſamt ſind davon 15 Kapitel vorhanden,
aus deren erſtem und viertem die Proben in der Täglichen
Rundſchau genommen ſind). Aber ſelbſt da ſtellten ſich wieder
neue Epiſoden ein, die nach Ausbreitung und Geltung verlang⸗
ten, wie die Geſchichte des Pfalzgrafen Konrad des Roten
von Worms. Und auch an den Juniperus ſei in dieſem Zu⸗
ſammenhang erinnert, der — ſo lebensvoll die Geſchichte an
ſich erſcheint, wenn man von dem da und dort zu ſtark durch⸗
leuchtenden kulturhiſtoriſchen Beſtreben abſieht — als Epi⸗
ſode doch reichlich breit geraten iſt. So fehlte dem Dichter alſo
offenbar die Zielſicherheit des künſtleriſchen Wollens, ſeine
Ideen zerflatterten, ſtatt daß ſie in Harmonie zuſammenge⸗
ſtrömt wären, es fehlte der reſolute Entſchluß: So, nun iſt's
genug der Vorarbeit, nun ſollen Phantaſie und Geſtaltungs⸗
kraft, die ja vorher auch nicht geſchlafen haben, allein walten.
Noch wichtiger aber als die bisher hervorgehobenen Tat⸗
ſachen iſt der Umſtand, daß das Verhältnis des Dichters zu

*) Vgl. Rieſenfeld, a. a. O. S. 6.


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