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Des Dichters Leben und ſeine Werke. 49
ſeinem Stoff ein rein intellektuelles geblieben zu ſein ſcheint.
Er ſah wohl ſeine Geſtalten, aber doch nur ſchattenhaft, und
proteusartig änderten ſie ſich unter der ſchaffenden Hand. Ein
Gelegenheitspoet im Goetheſchen Sinne, wie Scheffel es war,
braucht zum Geſtalten die innere Nötigung, den pſychiſchen
Zwang. Aber das perſönliche Erleben, das den Ektehard an
einem Punkt entſcheidend geſtaltete, wo es ſcheinbar nicht wei⸗
terging, das bei der „Irene“ vielleicht dageweſen iſt, ohne
aber zur Geltung zu kommen, das blieb hier aus. Es fehlte
jenes: „Ich mußte mirs vom Herzen ſchreiben, wenn ich nicht
daran erſticken wollte.“ Und ſo waren aller Fleiß und alles
Studium, die den Dichter wohl bis zu einem gewiſſen Punkt
hatten führen können, in letzter Linie doch vergeblich.
Mit Recht heben die Biographen in dieſem Zuſammenhang
noch hervor, daß Scheffel in ausgeſprochenem Sinne ein Hei⸗
matdichter geweſen ſei, wie etwa Gotthelf oder Roſegger oder
Theodor Storm oder Hermann Löns. So viel ſcheint ſicher:
daß er, der an Schwanitz ſchreibt, er könne nichts ſchildern,
was er nicht geſehen habe, durch den geplanten Roman von
der vertrauten Heimaterde nicht bloß nach Thüringen und
Oſterreich, ſondern auch nach dem Niederrhein, nach Paris,
ja nach Konſtantinopel und dem heiligen Land geführt wurde,
erfüllte ihn mit Unbehagen, ja mit Widerwillen. Wohl zog er
durch Thüringens Wälder, wohl fuhr er nach Paris, wo Land⸗
graf Hermann den Schliff ſeiner Bildung empfangen hatte,
wohl wanderte er donauabwärts, wo alles Land zwiſchen Paſ⸗
ſau und Wien von Nibelungengeſtalten belebt iſt, aber er
gewann trotzdem keine inneren Beziehungen zur Landſchaft,
und auch dieſer Umſtand erſchwerte die Geſtaltung des Kunſt⸗
werkes. Die eben gekennzeichnete Tatſache offenbart uns neben
einer zuzugebenden Beſchränkung in ſeiner künſtleriſchen An⸗
lage die Ehrlichkeit von Scheffels Weſen, die ihn wohltätig
ſich abheben läßt von ſo mancherlei Schein und falſcher Vor⸗
ſpiegelung, die ſich in dem Schrifttum breitmachten, das
als archäologiſcher Roman breiteſte Wirkung ausübte und bei
deſſen Herſtellung jene Geſetze poetiſcher Kunſt, auf deren
Erfüllung Scheffel glaubte nicht verzichten zu dürfen, über⸗
haupt nicht in Frage gezogen wurden. Sehr bezeichnend iſt es
überdies, daß der Dichter das einzige völlig in ſich abgerundete
Stück aus dem Wartburgroman, die Erzählung Juniperus im
Scheffel. I. L d
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