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54 Des Dichters Leben und ſeine Werke.
lung nehmen mußte. Geſchaffen hat er in dieſer Zeit nur noch
verſchwindend wenig. An guten Tagen war er im Kreiſe der
Freunde, und ihre Zahl war nicht gering, in Karlsruhe ſowohl
wie auf Seehalde von heiterer Liebenswürdigkeit und zart⸗
ſinniger Rückſichtnahme auf andere. Nur zudringliche Takt⸗
loſigkeit machte ihn böſe und hat ſeine berühmte Grobheit
hervorgerufen, von der manche Beſucher zu berichten wiſſen.
Das herannahende Jubelfeſt der Heidelberger Ruperto⸗Carola
hat ſeine Harfe noch einmal hell erklingen laſſen, zum letzten
Male! Es muß wie eine Vorahnung ſeines Todes geweſen
ſein, als der kranke Mann den jähen Entſchluß zur Reiſe
nach der geliebten Neckarſtadt faßte. Er wollte den Ort noch
einmal ſehen, wo er am glücklichſten geweſen war. Es wurde
ein trauriges Wiederſehen. Alle, die ihm zur Feier ſeines
60. Geburtstages vor dem Neckarhotel unter der zu ſeinen
Ehren in buntem Feuer erſtrahlenden Ruine zujubelten, waren
von der Erſcheinung des gebrochenen Mannes, der da von
Freundeshänden geſtützt am Fenſter lehnte, tief betroffen. Je⸗
dermann fühlte: mit Scheffel geht's zu Ende. Noch hat man
ihn nach Karlsruhe bringen können, noch war es ihm ver⸗
gönnt, der Gattin verſöhnt die Hand zu drücken, ehe ihn am
9. April 1886 der Tod erlöſte.
Wir aber müſſen den Blick noch einmal zurücklenken zum
Ringen um den Nibelungenſtoff und die Frage beantworten:
War dieſe ergreifende Mühe wirklich ſo ganz ohne Erfolg?
Nun, der Hinweis auf die „Frau Aventiure“, auf die „Berg⸗
pſalmen“ und die Juniperusnovelle genügt zur Beantwortung
der Frage. Und außerdem iſt ja auch noch manches aus dem
Nachlaß zu erwarten, ſchreibt der Dichter doch gelegentlich
an Eiſenhart, das „Paſſau, öſterreichiſch⸗nibelungiſche Werk“
ſei zu dreiviertel fertig, und die Proben in der „Täglichen
Rundſchau“ haben die Erwartung ſtark geſpannt. Wir müſſen
uns vorläufig an das Bekannte halten und in bezug auf den
„Juniperus“ hervorheben, daß die Schilderung des Zwiſtes der
Jugendfreunde, der Narrenkampf und das tollkühne Gottes⸗
gericht im Rheinfall meiſterlich genannt zu werden verdie⸗
nen. Ein neuerer Literarhiſtoriker heißt die Rothtraut eine
moderne Kokette, und Proelß behauptet, Scheffel hätte nach
dem Wiederſehen mit Emma (1858) in dem neuen Verhältnis
zu dem ihn dämoniſch anziehenden Weibe nur das Demütigende
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