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56 Des Dichters Leben und ſeine Werke.
Es möge geſtattet ſein, hier noch ein Wort über Scheffels
ſonſtige Lyrik einzuſchalten.
Mit ephebenhaften Schwärmereien und mit Bierzeitungs⸗
ſcherzen ohne poetiſchen Wert, die uns nur wegen ihres Ver⸗
faſſers intereſſieren, beginnt der junge Dichter und gerät dann,
ohne im eigentlichen Sinn unſelbſtändig zu werden, in die
Bahnen Heines. Auch erſte Wandergeſänge tragen epigoniſchen
Charakter, laſſen aber gelegentlich eine Situation, eine Wen⸗
dung originaler Art aufblitzen. „Bummellieder“ nennt Schef⸗
fel ſelbſt ſeine Gedichte aus reiferen Studentenjahren, die, mehr
oder weniger derb, als Kinder übermütiger Laune geboren und
vergeſſen werden, wenn nicht ein Freund ſie aufhebt und, zu⸗
meiſt namenlos, dem Kommersbuch und damit der Nachwelt
überliefert. In kräftiger Unbefangenheit übt ſich da ein Ta⸗
lent, das gar kein Dichter ſein will, das nichts erſtrebt, als
eine gute Stunde zu beleben und auszuſchmücken. Auch pa⸗
triotiſche Töne klingen gelegentlich ſchon an. Der Kontraſt
zwiſchen dem Ideal, das dem jungen Lyriker vorſchwebt, und
der kleinlichen und kläglichen Wirklichkeit weckt die Satire
und die Ironie, die das Übel mit Lachen bekämpft, die die
jämmerlichen Zuſtände im Vaterland mit den großen Hoff⸗
nungen vergleicht, die man von ihrer Überwindung gehegt
hat, und die das betrübliche Ergebnis durch ein luſtiges Salto⸗
mortale wenigſtens für den Augenblick aus dem Bewußtſein
bannt. Komiſche Verzweiflung über vergebliches Mühen um
die Geheimniſſe des abſtrakten Denkens ſucht ihren Ausdruck
im Gedicht, und Herzenserlebniſſe mit negativem Ausgang
führen zu Parodien allbekannter Lieder. Die Liebeslyrik geht
anfänglich ganz offenbar in Geibelſchen Bahnen, und der Lie⸗
bende offenbart ſeine Neigung ſogar mit den Worten des Lü⸗
becker Sängers, aber bald macht ſie ſich frei von ihrem Vor⸗
bild und findet für echtes Gefühl auch den eigenen Ton. Nach⸗
denkſam wandeln Hiddigeigei, der Kater, und der ſtille Mann
durch des Künſtlers lyriſches Werk und offenbaren die Seelen⸗
zuſtände ihres Dichters in originellem Ton. Balladeske Ak⸗
korde klingen an, auch ſie zuerſt ſatiriſch und parodiſtiſch, dann
durchaus ernſt gemeint und ernſt wirkend. Dazwiſchen kom⸗
öffentlichung der Frau Aventiure mit veranlaßten, geben Scheffels Briefe an
Schweizer Freunde (herausg. v. Frey. Zürich 1898) an verſchiedenen Stellen
Auskunft.
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