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Des Dichters Leben und ſeine Werke. 59
ſpiel: Guido Jäckel ſchreibt an Schwanitz aus Heidelberg, 30.
November 1849 über einen Beſuch in Karlsruhe, er und Schef⸗
fel und Lepique hätten am Abend ein trifolium saufans und
dann, nach Lepiques Abfall, ein bifolium hausknechtianum
gebildet, und ſie wären dabei in recht germaniſchen Zuſtand
geraten. Bei ſolchen Gelegenheiten war Scheffel außerordent⸗
lich raſch in Stimmung, was wir auch aus Briefen belegen
können, und dann entſtanden im raſchen Wurf viele ſeiner
Kneiplieder und wurden auf einen beliebigen Zettel, den einer
aus der Taſche zog, niedergeſchrieben. Beweiſe dafür, mit allen
Spuren der Kneipe behaftet, liegen vor uns.
Gelegentlich ſchreibt Scheffel an Guido Jäckel aus Säckingen
(mitgeteilt in einem Brief Jäckels an Schwanitz): „und wenn
die Jronie nicht auch ein Standpunkt wäre, ſo hätte ich eigent⸗
lich gar keinen Standpunkt.“ Das Wort iſt in unſerem Zu⸗
ſammenhang wichtig. Denn was Scheffels Gaudeamuslieder
durchweg charakteriſiert und was — nebenbei geſagt — für
das echte Trinklied überhaupt unentbehrlich erſcheint, das iſt
der ironiſche Unterton, der, weil er nach dem obigen Ge⸗
ſtändnis aus dem perſönlichen Standpunkt des Dichters
hervorgeht, ſo ganz unmittelbare Wirkung ausübte. Er ſchlingt
um Scheffels Kneiplieder ein zuſammenfaſſendes Band, und
darum hat R. M. Meyer recht, wenn er die Gaudeamusge⸗
ſänge als ein einziges Gelegenheitsgedicht von wahrhaft ariſto⸗
phaniſcher Art auffaßt.
Der Wiſſensdünkel hatte ſich damals mächtig aufgebläht,
Naturwiſſenſchaften und exakte hiſtoriſche Forſchung glaubten
die Welt⸗ und Menſchheitsrätſel löſen zu können. Da kam
ihm Scheffel geologiſch, aſtronomiſch und chemiſch und bewies
lachend, wie windig ſeine Forſchungsreſultate gegenüber dem
Scharfblick des erleuchteten Zechers ſeien. Da kam er ihm kul⸗
turhiſtoriſch und hiſtoriſch und hatte die Lacher auf ſeiner Seite,
die mit Behagen vom Rheuma und Zahnſchmerz des Pfahl⸗
manns ſangen und des Pumpus von Peruſia ungeheure Tat
verſtändnisinnig bewunderten. Mit Wonne eignete man ſich
ganz neue Anſchauungen über Vorgänge alter deutſcher Ge⸗
ſchichte und Sage an, und über des Enderle von Ketſch hemd⸗
ärmelige Geiſtergeſtalt war der helle Jubel unendlich und herz⸗
erfreuend. Die Meiſterſchöpfung aber auf dieſem Gebiet iſt
die des „Zechenden Heros“ Rodenſtein, dem der Dichter ur⸗
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