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60 Des Dichters Leben und ſeine Werke.
ſprünglich eine durchaus ernſtgemeinte Ballade gewidmet hat,
der aber nunmehr der verkörperte Proteſt gegen Philiſtertum
und Kopfhängerei wird und der die „kontemplative Trinkung“
ähnlich wie der Zwerg Perkeo als der Weisheit letzten Schluß
und darum als höchſten Lebenszweck erfaßt hat und ausübt. Als
Ganzes ſind dieſe Lieder — wir geben Meyer das Wort —
viel mehr als eine Liederſammlung, ſie ſind ein lebendiger Aus⸗
druck einer ſtarken Zeitſtrömung, ein Denkmal des beginnenden
Zweifels an der von Carl Vogt und Ludwig Büchner, Wilhelm
Jordan und Guſtav Freytag ſo zuverſichtlich behaupteten Un⸗
fehlbarkeit der Wiſſenſchaft, ein Triumph der echten Ironie,
die in einer Epoche epigonenhafter Grübelei fröhlich ruft: Pri-
mum vivere, deinde philosophari!
Durch die notwendige Rückſicht auf den Raum gezwungen,
verzichten wir auf eine Kennzeichnung des Wanderers Schef⸗
fel, die uns zu einer abgerundeten Charakteriſtik noch fehlt.
Wir weiſen nur flüchtig hin auf das tiefe und innige Verhält⸗
nis, das zwiſchen dem Dichter und der Natur beſtand. Man
hat Scheffel als den typiſchen Dichter des fröhlichen Wanderns
und des harmloſen Genießens hinzuſtellen geſucht. Das iſt
doch wohl irreführend. Es gibt kaum einen beſinnlicheren Wan⸗
derer als Scheffel, kaum einen, der grübleriſcher und zugleich
hellſehender als er die Landſchaft nach ihrer äußeren Form und
ihrem inneren Gehalt, nach ihrer Geſchichte und nach den
Geſchicken derer, die ſie hervorgebracht und erhält, erfaßt hätte,
von Harmloſigkeit des Genuſſes iſt bei den Bürgern die Rede,
die der Oſterſonntag vors Stadttor lockt, nicht aber bei unſerm
Dichter, und durch den Humor ſoll man ſich ja nicht täuſchen
laſſen. Er iſt nie Selbſtzweck, er deckt immer etwas zu, was
freilich oft nur der bemerkt, der tiefer in des Dichters Art ein⸗
gedrungen iſt. G
Was beſonders zu Tage tritt, iſt die heilende Wirkung, die
in der Berührung mit der Natur ſich offenbart, möge ihr der
Dichter nun in der Geſtalt des pſalmierenden Biſchofs Wolf⸗
gang von Regensburg entgegentreten, der ehrlich empfangene
Wunden in friedſamer Stille ausheilen will in treuliebſter
Freiſtatt der Wildnis (Bd. II), möge ihm — als Ekkehard —
vor der eisumpanzerten Höhe des Säntis die Trübſal letzter
Vergangenheit in milden Duft verklärt werden oder möge er
mit Biterolf erkennen:
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