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62 Des Dichters Leben und ſeine Werke.
nach den blauen Seen der bayriſchen Hochfläche und auf die
Höhen des Alpengebirgs. Und je älter man wird, deſto mehr
liebt man ſich in ſie hinein, und ganz begreift man ſie erſt,
wenn einem durch irgendwelche Schickſalsfügung die alte Wan⸗
derfröhlichkeit und der Zugvogeltrieb beſchnitten worden ſind
und man die Probe auf die Wahrheit des Scheffelſchen Satzes
machen kann, daß die Erinnerung reinen Glückes ſo ſchön ſei
wie die Gegenwart. Dann nickt man wohl halb in trauriger
und halb in fröhlicher Reſignation zuſtimmend, wenn es einem
in den Ohren klingt:
Still liegen und einſam ſich ſonnen
Iſt auch eine tapfere Kunſt.
Wir fragen uns zum Schluß: woran lag es, daß dieſes
Dichterleben und Dichterſchaffen, das ſo reich und vielver⸗
ſprechend einſetzte, ſo vorzeitig zerfiel und verebbte? Die Ant⸗
wort ergibt ſich aus der Zuſammenfaſſung von mehreren Tat⸗
ſachen. Die Hemmungen, die Scheffel verwehrten, jenes Goe⸗
theſche Lebensziel der Emporläuterung des menſchlichen und
künſtleriſchen Seins zum allſeitigen harmoniſchen Kunſtwerk
zu erreichen, lagen zuerſt in ihm ſelbſt: als verhängnisvolles
Erbteil der Ahnen (Weh dir, daß du ein Enkel biſt), als un⸗
überwindliche Unraſt und jähe Sprunghaftigkeit des Willens,
als allzu große Weichheit des Empfindens und mimoſenhafte
Scheu vor reſoluter Offenbarung der Tiefen des Gefühls⸗ und
beſonders des Liebeslebens, als mangelnder Mut zum Glück
ſowohl wie zum Leid, ſie lagen in der rein gefühlsmäßigen Be⸗
ſtimmtheit ſeines inneren Weſens, das, allzu leicht gekränkt,
in Verbindung mit ſeiner alemanniſchen Starrköpfigkeit ſich
oft verrannte und den Dichter zu tatloſem Zuſehen nötigte, wo
er doch wohl gern mitgetan hätte, ſie lagen in ſeinen ſchwan⸗
kenden geſundheitlichen Zuſtänden, und endlich ſpielen auch
die behaglichen äußeren Verhältniſſe eine Rolle, in die Scheffel
hineingeboren wurde und die ihm niemals ein hartes: „Du
mußt“ entgegenſchrien, niemals eine Zuſammenraffung aller,
auch der letzten und geheimſten Kräfte zur befreienden Tat
unter dem Motto: Und doch! unabweisbar machten. Das alles
ſind freilich nicht die Elemente, aus denen die große und er⸗
ſchütternde Tragik entſteht, da finden wir nichts von dem un⸗
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