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Des Dichters Leben und ſeine Werke. 63
geheuren unentrinnbaren Verhängnis, an dem der ſtarke Wille
des Kämpfenden ſich ſelbſt vollendend zerbricht. Das iſt nicht
Heinrich von Kleiſt und nicht Otto Ludwig. Und doch wird
alles, was daraus vor unſern Augen ſich entwickelt, pſycho⸗
logiſch ſo begreiflich und menſchlich ſo ergreifend, daß unſer
tiefſtes und innerſtes Mitfühlen aufblüht. Wir kommen dem
Dichter auch menſchlich ſo nahe, wenn wir ihn in ſeiner Not
ſehen. Und wir lieben ihn. Und tiefes ſchmerzliches Bedauern
erfüllt uns, wenn wir erwägen, was noch alles hätte kommen
können und was nun doch nicht geſchaffen worden iſt, wie der
Dichter, dem ſo reiche Freundſchaft beſchieden geweſen war,
mehr und mehr ein Einſamer wurde, dem ein Blättchen vom
Baum des Lebens und der Hoffnung nach dem andern welk
vor die Füße flatterte.
Aber dies Gefühl ſei nicht unſer letztes. Wir müſſen den
Blick noch einmal auf Scheffels dichteriſches Geſamtwerk hin⸗
lenken und dürfen mit Freuden den künſtleriſchen Wert dieſes
Schaffens für ſeine und für unſere Zeit betonen. Wir brauchen
den Dichter nicht in Schutz zu nehmen gegen die Vorwürfe, die
eine übereifrige Kritik erhoben hat. Wer kann für ſeine Nach⸗
folger. Schon ein oberflächlicher Vergleich ſollte das klare
Ergebnis zeitigen, daß die „Spielmannsſänge“ der Wolf,
Baumbach u. a. vom Trompeter ebenſoweit entfernt ſtehen wie
die archäologiſchen Romane der Ebers, Dahn, Hausrath und
Eckſtein vom Ekkehard, und von der Butzenſcheibenlyrik ſchwei⸗
gen wir ganz. Die Neutöner und ihre Verkünder führen mit
Vorliebe Scheffel neben Geibel und Bodenſtedt als Typus des
abgetanen Dichtertums an. Nun, Scheffel kann nach der Hin⸗
ſicht das Urteil der Nachwelt ruhig abwarten, und unſere Aus⸗
gabe will an ihrem Teil dazu beitragen, daß Scheffels Werk in
unſerem Volke lebendig bleibt.
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