http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw1/0077
10
Erſtes Stück.
Flaum des Barts ſich, den die Damen
Schätzen, denn er gibt die Kunde,
Daß ſein Träger zwar ein Mann, doch
Seine Küſſe nicht verwunden.
Der jedoch ſchien zarte Mündlein
Noch nicht viel berührt zu haben,
Und als wie zum Spotte macht' ihn
Schnee und Reif ſchier weiß erglänzen.
Aus den blauen Augen flammte
Glut und Milde, ſinn'ger Ernſt ihm,
Und es brauchte nicht des langen
Korbbewehrten Rauferdegens,
Der vom ſchwarzen Wehrgehänge
Schier hinab zum Boden ſtreift', um
Anzudeuten, daß die Fauſt ihn
Ritterlich zu führen wiſſe.
Um das zugeknöpfte Reitwams
Schlang ein Band ſich, dran hing glänzend
Die vergüldete Trompete.
Vor Schneeflocken ſie zu ſchützen,
Schlug er oft um ſie den Mantel;
Aber wenn der Wind ſich drein fing,
Daß ſie ſchrill anhub zu tönen,
Dann umſpielte ſeinen Mund ein
Sonderbar wehmütig Lächeln. —
Schweigſam durch des Waldes Dickicht
Ritt fürbaß er, oftmals ſchweiften
Seine Blicke, ſo wie eines,
Der zum erſtenmal, ein fremder
Wandersmann, den Weg erſpäht.
Rauh der Pfad — das Rößlein wollte
Oft im Schnee verſinken oder
„Im Geüſt der wildverſchlungnen
Tannenwurzeln ſtrauchelnd ſtürzen.
Und der Reiter dachte brummend:
„'s iſt mitunter doch langweilig,
Einſam durch die Welt zu ziehen:
Fälle gibt's und Tannenwälder,
Wo der Menſch ſich ſehnt zum Menſchen.
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw1/0077