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Erſtes Stück.
Schwarm des theolog'ſchen Haders
Er nur eine Schrift geleſen.
Überhaupt war's mit Dogmatik
Und des Wiſſens ſchwerem Rüſtzeug
Spärlich ſehr bei ihm beſtellt.
Aber wo's in der Gemeinde
Einen Span galt auszugleichen,
Wo die Nachbarn hämiſch ſtritten,
Wo der Dämon böſer Zwietracht
Ehe ſtört und Kindestreue,
Wo des Tages Not und Elend
Schwer den armen Mann bedrückte
Und die hilfbedürft'ge Seele
Sich nach Troſt und Zuſpruch ſehnte,
Da, als Friedensbote, kam der
Alte Herr einhergeſchritten,
Wußt' für jeden aus dem Schatze
Reichen Herzens Rat und Labſal.
Und wenn drauß in ferner Hütte
Einer auf dem Sterbelager
Mit dem Tod den harten Kampf rang,
Da — um Mitternacht — zu jeder
Stund', wo's an die Pforte klopfte,
— Ob auch Sturm den Pfad verwehte —
Klomm er unverzagt zum Kranken,
Spendet ihm den letzten Segen.
Einſam ſtand er ſelbſt im Leben,
Seine nächſten Freunde waren
Die zwei Hunde vom Sankt Bernhard
Und ſein Lohn: oft nahte ſchüchtern
Ipdhnm ein Kind, und ehrerbietig
Küßte es die greiſe Hand ihm;
Oft auch um ein totes Antlitz
Zuckte dankbar noch ein Lächeln,
Das dem alten Pfarrherrn galt.
Unbemerkt nun kam der Alte
Längs des Waldesſaums geſchritten
Zum Trompeter, deſſen letzte
Klänge in die Ferne hallten;
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