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Jung Werners Rheinfahrt. 39
Tranken, zäh hiſtor'ſchen Sinnes,
Sie den Fridolinusbrand itzt.
Traurig zupft die treue Gattin
Manchen an dem breiten Rockſchoß,
Wenn der zweite, wenn der dritte
Harte Taler auf dem Tiſch klingt,
Aber ruhig ſpricht der Ehherr:
„Teures Weib, gebiete deinen
Tränen, heut muß alles hin ſein!“
Und er wankt nicht, bis der ſpäte
Wächter mit der Hellebarde
Ihm den Feierabend anſagt.
Dann erſt, bös im Zickzack, ſchreitet
Er hinauf zu ſeinen Bergen,
Und die Mitternacht ſchaut manchen
Jähen Sturz im Tannenwald;
Doch ſie deckt's mit gnäd'gem Grauen,
Deckt auch gnädig zu die Schläge,
Die zum Schluß des hohen Feſttags
Auf der Ehfrau Rücken hageln.
— Einſam, ſeitab von dem Lärmen
Schritt jung Werner — unwillkürlich
Trieb's hinaus ihn an den Rheinſtrand.
Ihn umſchwebte noch das blonde
Süße, milde Jungfraunantlitz,
Und es ſchien ihm wie ein Traum, daß
Er es früh leibhaftig ſchaute. —
Heiß die Stirne — ſeine Augen
Schweiften unſtät bald zum Himmel,
Bald auch ſenkten ſie demütig
Fragend ſich zur Erde nieder,
Und er achtet' nicht des Nordwinds,
Der die Locken ihm durchwühlte.
In dem Herzen jagten ſich in
Wilder Flucht die Glutgedanken,
Gleich dem Nebel, der in ſeltſam
Buntem Wechſel der Geſtalten
Herbſtlich um die Berge ſpielt,
Und es klang und ſproßt' und wogte
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