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Der Freiherr und ſeine Tochter. 51
Und im Zorn ſelbſt, wenn er keifend
Seinen Buckel aufwärts krümmte,
Seine Haare rückwärts ſträubte,
Wußt' er immer noch die Anmut
Mit der Würde zu verbinden.
Doch wenn über Dach und Giebel
Leiſe kletternd er verwegen
Auszog auf die Mäuſejagd;
Wenn geheimnisvoll im Mondlicht
Seine grünen Augen blitzten:
Dann vor allen groß, dann wahrhaft
Impoſant war Hiddigeigei.
Bei dem Kater ſaß der Freiherr.
In den Augen zuckt es oft ihm
Wie ein Blitz — oft wie ein milder
Strahl der untergehnden Sonne,
Und er dacht' an alte Zeiten.
Iſt es doch des Alters beſtes
Labſal, wie von hoher Warte
Rückzuſchaun ins ferne Ehmals.
Und der Greis iſt nie alleine.
Ihn umſchweben langgeſtorbne
Scharen in vergilbten Wämſern,
In altmod'ſchem Prachtgewand.
Doch den Moder tilgt Erinn'rung;
Um die Schädel ſchlingt ſich wieder
Jugendfriſche, alte Schönheit,
Und ſie plaudern von verklungnen
Tagen, und des Greiſen Herz pocht,
Und die Fauſt ballt oft ſich krampfhaft.
Wieder ſchaut er vom Balkone
Grüßend ſie herniederwinken,
Wieder blaſen die Trompeten,
Und der ſchwarze Renner trägt ihn
Wiehernd in das Schlachtenwetter.
Vohlgemut hielt ſo der Freiherr
Der Erinn'rung große Heerſchau,
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