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Sechſtes Stück.
Hell und luſtig klangen drüben
Schützenhörner und Trompeten,
Doch wie Nachtigallenſchlagen
Aus dem Chor der Waldesſänger,
So aus allen klang herfür des
Stabstrompeter Raßmann Blaſen.
Und ich traf ihn, roten Kopfes,
Atmend aus gepreßter Lunge.
„Herrr, 's iſt Ehrenſache,“ ſprach er
Und blies weiter; es verſtummten
Die Trompeter aus dem Fricktal,
Die von Solothurn und Aarau
Vor dem Stabstrompeter Raßmann.
Wieder traf ich ihn, 's war Abend.
Wie ein Rieſe unter Zwergen
Saß er in dem goldnen Schwanen
In der andern Spielleut' Schwarm.
Manchen großen Humpen tranken
Die Trompeter aus dem Fricktal,
Die von Solothurn und Aarau,
Doch der Humpen allergrößten
Trank der Stabstrompeter Raßmann.
Und mit ſchwerem Caſtelberger
(An der Aar bei Schinznach wächſt er)
Ließ er die Trompete füllen.
„Herrrr, 's iſt Ehrenſache,“ ſprach er,
Leerte ſie mit einem Zug dann:
„Euer Wohl, ihr Herrn Kollegen!
So trinkt Stabstrompeter Raßmann.“
Mitternacht war lang vorüber,
Unterm Tiſch lag mancher ſchnarchend,
Aber feſten Gangs und aufrecht
Schritt er heimwärts aus dem Städtlein.
An der Rheinbrück' grüßt er's ſpöttiſch
Noch mit einem Schelmenlied.
Dann ein Fehltritt! — armer Raßmann!
Senkrecht ſtürzt' er in die Tiefe,
Und des Rheins furchtbarer Strudel
Donnert ſchäumend übers Grab des
Brävſten aller Stabstrompeter.
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