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Der Ausritt zum Bergſee. 69
Wird viel ſchmucker ausſeh'n, wenn ich
Einen großen Strauß hineinſtell' 1“
Siebentes Stück.
Der Ausritt zum Bergſee.
Blauer Himmel, warmer Sonnſchein,
Bienenſummen, Lerchenjubel,
Spiegelklar des Rheines Flut.
Von den Bergen flieht der Schnee weg,
In dem Tale blüht der Obſtbaum,
Mai zog übers Land herein.
Vor dem Schloßtor lag im Sande
Faul behaglich Hiddigeigei,
Sorgend, daß die Maienſonn' ihm
Süß erwärmend auf den Pelz ſchien.
Durch den Garten ſchritt der Freiherr
Mit der Tochter, wohlgefällig
Schaut er auf die jungen Knoſpen,
Sprach: „Und wenn auch hundert Jahr' ich
Noch zu leben hätt', ich würd' mich
Stets von neuem doch erquicken
An dem Mai und ſeinen Wundern.
Zwar ich halt' nichts von dem Maitau,
Dran das Frauenzimmervolk ſich
Wange netzt und Stirn und Mündlein,
Hab' auch keine noch geſehen,
Die drob ſchöner ward als ehdem;
Glaub' auch nicht an Hexenſchwarzkunſt,
An die Nacht Walpurgis und die
Beſenreitenden Schwadronen.
Aber dennoch ſteckt ein eigner
Zauber in dem jungen Mai.
Meine mürben Knochen haben
Bei den Stürmen des Aprilis
Schwer das Zipperlein verſpürt.
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