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Lehren und Lernen. 95
Aber dulde, tapfres Herze!
Duld' — es werden Zeiten kommen,
Wo der Menſch, das weiſe Untier,
Uns die Mittel richt'gen Ausdrucks
Des Gefühls entleihen wird;
Wo die ganze Welt im Ringen
Nach dem Höhepunkt der Bildung
Katzenmuſikaliſch wird.
Denn gerecht iſt die Geſchichte,
Jede Unbill ſühnet ſie.“ —
Doch noch außer Hiddigeigei
Ward von Margaretas erſten
Tonverſuchen unten tief am
Strand des Rheins ein andrer mehr zu
Zorn geſtimmt als zu Entzücken.
Werner war es. Er erging ſich
Früh mit der Trompet' im Garten,
Wollt' ein Liedlein komponieren
In der Morgeneinſamkeit.
Erſt doch legt' er ſein geliebtes
Schallzeug auf den Tiſch der Laube,
Schaute ſinnend in die Rheinflut
Von der Gartenmauerbrüſtung.
„'s iſt doch,“ dacht' er, „immer noch der
Alte Zug in euch, ihr Wellen!
Nach dem Meere ſtrebt ihr haſtig,
Wie mein Herz nach ſeiner Liebe,
Und wer iſt dem Ziele ferner,
Grüner Strom — du oder ich?“
Solcherlei Gedankenrichtung
Unterbrach der Storch vom Turme,
Der anitzt zum erſten Male
Seine Brut am kühlen Rheinſtrand
Vaterſtolz ſpazieren führte.
's war ergötzlich anzuſchauen,
Wie die alterfahrnen Störche
In den Uferſand ſich ſchlichen,
Einem Aale aufzulauern,
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