http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw1/0163
96
Neuntes Stück.
Der verſchiedentlich Gewürme
Mit Behagen dort verſchlang.
Aber er, der ſo das Strandrecht
An der kleinen Tierwelt übte,
Sollte ſelbſt bald Frühſtück werden,
Denn der Große frißt den Kleinen,
Und der Größte frißt den Großen:
Alſo löſt in der Natur ſich
Einfach die ſoziale Frage.
Nichts mehr half ihm ſeine Glätte,
Nichts des fetten Leibs Geringel,
Nichts ſein tiefgefühltes Schlagen
Mit dem ungeſchuppten Schwanze:
Eingeklemmt im zahn'gen Schnabel
Des entſchloſſnen Storchenvaters
Ward er deſſen hoffnungsvoller
Jugend vorgelegt zur Teilung,
Und ſie hielten mit Geklapper
Würdig ihren Morgenſchmaus.
Dieſes ſonderbare Treiben
In der Nähe zu betrachten,
Stieg jung Werner, dem's mit ſeiner
Arbeit nicht gefährlich ernſt war,
Aus dem Garten an den Rheinſtrand.
Leiſe ſetzt er dort ſich nieder
Auf der käfervollen Moosbank
Unterm Hang graugrüner Weiden,
Und es war ihm eine Luſt, der
Storchlichen Familienfreuden
Stiller Zeuge dort zu ſein.
Aber jegliches Ergötzen
Währt nur kurz auf unſerm Sterne;
Selbſt dem ſtillvergnügt'ſten Manne
Wirft das Schickſal tückiſch oft 'nen
Meteorſtein in die Suppe.
Kaum verſenkt in jenes Schauſpiel,
Muß jung Werner Töne hören
Aus der eigenen Trompete,
Die ihm wie Pandurenmeſſer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw1/0163