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Lehren und Lernen. 92
Schartig in die Seele ſchneiden.
„'s iſt der freche Gärtnerjunge,
Der ſich meines Horns bemächtigt,“
Zürnt jung Werner und erhebt ſch
So ergrimmt von ſeinem Moosſitz,
Daß die Störche in der Nähe
Jählings auf zum Turme flattern,
Nicht einmal die Zeit ſich nehmend,
Ihren Aal mit fortzutragen.
Als ein armer Torſo blieb er
Kläglich dort am Strande liegen,
Und es ſchweigen die Chroniſten,
Ob der kluge Storchenvater
Wieder kam, ihn nachzuholen.
Werner klimmt indes zum Garten,
Eilt zur grünen Geißblattlaube
Auf den ſamtnen Raſenbeeten,
Daß der Kieſelwege Dröhnen
Dort ſein Kommen nicht verrate.
Denn auf friſcher Tat erwiſchen
Will er den verwegnen Jungen
Und auf ſeines Rückens Breite
Zur Muſik den Dreitakt ſchlagen.
Alſo tritt er in die Laube,
Zornvoll ſchon die Hand gehoben,
Aber wie gerührt vom Blitzſtrahl
Sinkt ſie an der Hüft' ihm nieder,
Und der Fauſtſchlag blieb, ſo wie die
Deutſche Einheit und manch andres,
Nur ein ſchön gedacht Projekt.
Wargareten muß er ſchauen,
Die Trompete an den Lippen
Und die Wangen aufgeblaſen
Wie der kleine holzgeſchnitzte
Zierliche Poſaunenengel
In der Kirche Fridolini.
Sie erſchrickt als wie ein Strauchdieb,
Der in Nachbars Hof ertappt wird,
Die Trompete fällt ihr jählings
Scheffel. I. 7
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