http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw1/0165
98
Neuntes Stück. L
Von der Lippe blühndem Rand.
Werner mildert die Verwirrung
Durch ein feines Wortgewinde,
Und ſchulmeiſterlich beginnt er
Der Trompetung Anfangsgründe
Regelrecht und ernſt bemeſſen
Jetzt dem Fräulein darzutun,
Zeigt die Griffe, zeigt das Hauchroh
Und wie beides zu bemeiſter,
Daß der rechte Ton ſich aufſchwingt.
Margareta horcht' gelehrig,
Und eh' ſie's verſehn, erweckt ihr
Hauch ſchon wieder neue Klänge
r,
Der Trompete, die jung Werner
Ihr, ſich leicht verneigend, darreicht.
Spielend lehrt er ſie, was einſtmals
Ihres Vaters Küraſſiere
In der Schlacht zum Angriff blieſen:
Nur ein paar unſchwere Töne,
Aber markig und bedeutſam.
Liebe iſt von allen Lehrern
Der geſchwindeſte auf Erden,
Was oft Jahre ehrnen Fleißes
Nicht erreichen, das gewinnt ſie
Mit dem Zauber einer Bitte,
Mit der Mahnung eines Blicks;
Selbſt ein niederländ'ſcher Grobſchmied
Iſt ja einſtens durch die Liebe
Noch in vorgerückten Jahren
Ein berühmter Maler worden.
Glücklich Lehren — glücklich Lernen
In der grünen Geißblattlaube!
's war, als ſtünd' des deutſchen Reiches
Letztes Heil auf dem Begreifen
Dieſes alten Reiterliedes,
Und doch ging durch ihre Seelen
Ganz 'ne andre Melodie:
Jenes ſüße, ſchöpfungsalte
Lied der erſten jungen Liebe.
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw1/0165