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Zehntes Stück.
Einzler Tannbaum zwiſchen Felſen;
In den AÄAſten ſaß der hagre
Böſe Waldgeiſt Meyſenhartus.
Der benahm ſich heut ſehr unfein,
Fletſchte ſeine ſcharfen Zähne,
Riß ſich einen Aſt vom Stamme
Und benagte einen Tannzapf,
Kletterte auch mehrmals unwirſch
Auf und nieder wie ein Eichhorn,
Rupfte einer braven Nachteul'
Ein paar Federn aus dem Flügel,
Wiegte ſchließlich ſich im Wipfel
Und verhöhnt' die alte Tanne:
„Hoher Tannbaum, grüner Tannbaum,
Nimmer möcht' mit dir ich tauſchen!
Feſtgenagelt ſtehſt im Grund du,
Mußt erwarten, wer zu dir kommt,
Kannſt dich nicht vom Platze rühren,
Und wenn je dein Tannenſchickſal
Will, daß du zur Ferne wanderſt,
Kommen erſt die Menſchen mit dem
Scharfen Beil und haun und hacken
Tief ins Fleiſch dir, bis du umſinkſt,
Und ſie ziehen unbarmherzig
Dir das braune Rindenfell ab,
Werfen dich dann in den Rhein, und
Bis nach Holland mußt du ſchwimmen.
Pflanzt man auch in der Fregatte
Stolz dich auf dort und benamſt dich
Einen Maſtbaum: du biſt doch nur
Eine glattgeſchundne Tanne,
Der die Wurzeln abgehaun ſind,
Und du härmſt dich auf dem Meer in
Heimweh, bis ein Blitz vom Himmel
Maſt und Schiff und Mann und Maus — die
Ganze Wirtſchaft in die Luft ſprengt.
Hoher Tannbaum — grüner Tannbaum,
Nimmer möcht' mit dir ich tauſchen!“
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