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Zehntes Stück.
Der hatt ſeine junge Liebe
Weit in Wald hinausgetragen,
Und ſoweit der Menſch hienieden
Glücklich ſein kann, war er's: frohe
Hoffnung ſchwellte ihm den Buſen,
Der Gedanken viele zogen
Durch den Kopf, wie wenn ſie nächſtens
Liebeslieder werden wollten,
Gleich den Raupen, die ſich bald zu
Schmetterlingen umgeſtalten.
Jetzo wollt' er heimwärts kehren,
Doch der Waldgeiſt Meyſenhartus
Hüllt' in Staub den rechten Pfad ihm,
Und zerſtreuet ſchritt jung Werner,
Statt zum Rhein hinab, landeinwärts.
Lachend kletterte der Waldgeiſt
Wieder zu der Tanne Wipfel,
Schaukelte ſich in den Äſten. .
„Den Mann hat's!“ ſo ſprach er höhnend.
Werner, nicht des Weges achtend,
Ging hinauf ins Tal von Haſel,
Und er kam an eine Bergwand.
Schattig kuͤhl war dort die Stelle,
Stechpalm', Schleh' und Efeu rankten
Schmieg ſam um den kahlen Fels ſich,
Seitwarts rieſelte die Quelle.
Durch die Büſche trat jung Werner,
Friſchen Trunk ſich dort zu ſchöpfen;
Zäh verwachſen war das Strauchwerk,
Urd er trat mit feſtem Fuß auf,
Da ſchlug an ſein Ohr ein quiekend
Schriller Klaglaut, wie von einem
Maulwurf, der, bei unterird'ſchem
Wühlen in der Schling' gefangen,
Jäh zum Tagslicht aufgeſchnellt wird.
Kniſternd hob ſich's aus dem Graſe.
Vor ihm ſtand ein graues Männlein,
Kaum drei Schuh hoch, etwas bucklig,
Aber zart von Antlitz, ſeine
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