http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw1/0175
108
Zehntes Stück.
Wie ein Pſalm, ſo wie wir ſelbſt ihn
In der Erde Schoße ſingen,
Bald als wie ein Fluch zum Himmel.
Viel auch konnt' ich nicht verſtehn,
Doch es klang mir wie Erinn'rung
An uralte Schöpfungszeiten,
Als die grimmigen Titanen
Berg und Fels zu unſern Häupten
Aus dem Boden riſſen und wir
Scheu hinab zur Tiefe flohn.
Mitleid hatt' ich mit dem Manne,
Und ich führt' ihn in die Höhle;
's hat ihm gut bei mir gefallen,
Und er freut' ſich, als ich ihm der
Erdmännlein Hantierung zeigte.
Fand ſich bald zurecht in unſerm
Höhlenbrauche; oft gemeinſam
Lauſchten wir des Tropfſteins Wachſen,
Plauderten auch manchen Abend
Von den Dingen in der Tiefe.
Nur wenn auf die Menſchen ich die
Rede lenkte, ward er zornig,
Blickte finſter und zerſchlug mir
Einmal ſieben Tropfſteinſäulen.
Auch wenn Sonn' und blauen Himmel
Ich ihm loben wollte, ſprach er:
„Laß die Sonne, laß den Himmel!
In der Sonne Strahlen draußen
Kriechen Schlangen, Schlangen ſtechen,
Leben Menſchen, Menſchen haſſen,
Und am Himmel, in den Sternen
Stehen Fragen, Fragen wollen
Antwort haben, und wer gibt ſie?“
Alſo blieb er in der Höhle,
Und der Schmerz, der erſt durchſtürmt' ihn,
Löſte ſich in milde Wehmut.
Oftmals ſah ich leis ihn weinen,
Oft, wenn ein melodiſch Wehen
Durch der Säulen hohlen Schaft zog,
Saß er dort, ſang ſchöne Lieder.
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw1/0175