http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw1/0193
126
Zwölftes Stück.
Mir das ſeltſam ſonderbare
Spiel der erſten Liebesneigung?
Schier vermuten darf der Sang, ſie
Wollt' ihn küſſen: nein, ſie tat's nicht,
Schreckte jäh zuſammen, — ſeufzte, —
Schnell ſich wendend, einem ſcheuen
Reh gleich, floh ſie aus der Stube.
Wie der Mann, der lang in finſtrer
Kerkernacht auf feuchtem Stroh lag,
Schier verwundert auf dem erſten
Freien Gang jetzt in die Welt ſchaut:
Sonne, ſcheinſt du nicht viel heißer?
Himmel, biſt du nicht tiefblauer?
Und ſein Aug' zuckt, ungewohnt des
Langentbehrten Tagesſcheins:
Alſo ſchreitet der Geneſne
Wieder ins geſunde Leben.
Friſcher, wärmer, zukunftfreud'ger
Liegt's vor dem erſtaunten Blicke
Als zuvor, und jubelnd grüßt er's. —
„Welt, wie biſt du ſchön!“ ſo klang es
Auch von Werners Munde, als er
Langſam von des Schloſſes Treppe
Zu dem Garten niederſtieg.
An den Stab gelehnet, ſtand er
Lange ſtill und ſog der Sonne
Strahlen, ſog der Blüten Düfte
Hochaufatmend ein, dann ſchritt er
Langſam vor nach der Terraſſe.
Setzt' ſich dort in warmen Sonnſchein
Auf die Steinbank, — Bienen ſummten,
Schmetterlinge flogen in den
Blühenden Kaſtanienzweigen
Aus und ein, als wär's ein Wirtshaus.
Grün durchſichtig, leiſe rauſchend
Trug der Rhein die Fluten weiter,
Wohlbemannet ſchwamm ein Tannfloß
Schlangengleich ſtromab gen Baſel.
An dem Ufer bis zum Knie im
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_sw1/0193